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Weltpolitik:Der amerikanische Patient

Der Flugzeugträger USS Abraham Lincoln 2019 im Persischen Golf.

(Foto: AFP)

Der Publizist Michael Lüders erhebt in seinem neuen Buch Vorwürfe gegen die Medien und die USA - und zeigt Verständnis für das Mullah-Regime in Iran.

Rezension von Alexandra Föderl-Schmid

Eigentlich kann man es ganz kurz machen: Die USA sind an allem schuld, meint Michael Lüders in seinem neuesten Werk, in dem er sich der "scheinheiligen Supermacht" widmet. Wegen der brutalen Machtpolitik der US-Amerikaner gab es den Irak-Krieg und gibt es heute die Konfrontation mit Iran und Russland.

Aber am allerschuldigsten sind die Medien, die nämlich die Schuld der USA nicht darstellen. Gerade in Deutschland werde die "Mär vom selbstlosen Hegemon" erzählt, klagt Lüders. Denn in den Redaktionen sitzen nur Journalisten, die das Agieren der USA "schönreden".

Lüders macht das gleich zu Beginn fest an dem ausführlich dargestellten Konflikt zwischen Iran und Großbritannien rund um die Festsetzung des Tankers Grace 1 vor Gibraltar und eines britischen Schiffes in der Straße von Hormus im Jahr 2019.

Einhellig hätten alle deutschen Journalisten der Forderung Londons nach einem Einsatz am Golf zugestimmt, schreibt Lüders: "Lieber heute als morgen hätten sie die Bundeswehr an den Golf expediert - unbeschadet der möglichen Konsequenzen". Auch die "transatlantisch orientierten Denkfabriken" hätten in den Konsens eingestimmt.

Lüders hat Verständnis für Teheran

Für sie alle sei Iran ein "Schurkenstaat". Lüders äußert dagegen Verständnis für die Machthaber in Teheran, die auf die Kündigung des Atomabkommens durch US-Präsident Donald Trump mit einem Hochfahren der Urananreicherung reagiert haben: "Wer, wie die iranische Führung, das Messer an der Kehle spürt, hat zwei Möglichkeiten: Selbstaufgabe oder Widerstand. Die Iraner haben auf den 'maximalen Druck' der USA mit 'maximalem Gegendruck' reagiert."

Mit seiner Feststellung, dass sich die Europäer nur "halbherzig" um die Fortsetzung des Atomabkommens bemüht hätten, hat Lüders recht. Er erwähnt aber nicht, dass der Grund dafür der erratisch agierende Trump war.

Die Europäer setzten auf einen neuen Präsidenten im Weißen Haus - was sich als richtig erwiesen hat, wie die gerade wieder aufgenommenen Verhandlungen in Wien zeigen. Lüders vertritt in seinem Buch einmal mehr die These, dass Iran vom Westen durch Sanktionen niedergehalten wird, um nicht zu einer "bedeutenden Mittelmacht" zu werden, die "zwangsläufig über Einfluss verfügt".

Michael Lüders: Die scheinheilige Supermacht. Verlag C.H. Beck, München 2021. 293 Seiten, 16,95 Euro.

Soweit kann man dem Nahostexperten, der viel Zeit in der Region verbracht hat, noch folgen. Die Schilderungen der historischen Zusammenhänge sind, wie immer bei seinen Ausführungen, oft bereichernd. Dass er die Sinnhaftigkeit von Sanktionen als diplomatisches Mittel infrage stellt, ist auch nachvollziehbar.

Aber abstrus wird es, wenn er im Großteil seines Buches darzustellen versucht, dass die Medien - im Buch heißt es "unsere Medien" - über gezieltes Meinungsmanagement die Öffentlichkeit zu manipulieren versuchen.

Noch dazu, wenn Lüders selbst in seinem Buch manipulativ vorgeht: Er beklagt mangelnde Kritik an der Siedlungspolitik Israels, nimmt aber kritischen Berichte und Kommentare in deutschen Medien dazu nicht zur Kenntnis. Dieses Auslassen wirft er pauschal den Medien vor, praktiziert es aber selbst.

"Weichspülung" von Amts wegen?

Alle Medien hätten sich einem "Propaganda-Modell" unterworfen, behauptet der Publizist und Politikberater Lüders: Es gebe eine "Kooperation zwischen den Regierenden und den Programm-Machern", die sich dann so auswirkt: "Die Politik stellt sich hinter die Medien und verteidigt sie gegen 'Querulanten'.

Chefredakteure oder Intendanten revanchieren sich, indem sie gar nicht erst auf die Idee kommen, sich ohne Wenn und Aber gegen einen Iran-Krieg auszusprechen, zum Beispiel." In den Gremien der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hätten politische Parteien das Sagen, die über die Rundfunkgebühren dafür sorgen würden, "dass eine gewisse 'Weichspülung' von Amts wegen gewährleistet ist".

Lüders ist klug genug zu wissen, wessen Vorurteile er damit bedient: "Hiesige Medien leiden zunehmend unter einem Verlust an Glaubwürdigkeit, was sich am rechten Rand der Gesellschaft im Vorwurf der 'Lügenpresse' niederschlägt." Aber diese "Verbrüderung von Macht und Medien" werden vorschnell als "Verschwörungstheorie" abgetan. Das ändere "nichts daran, dass die Kluft zwischen der veröffentlichten und der öffentlichen Meinung auch hierzulande größer wird".

Mit seinem Buch hat Michael Lüders jedenfalls einen Beitrag dazu geleistet. Unter dem Deckmantel einer kritischen Betrachtung der USA geht es ihm vor allem um Medien-Bashing mit simpler Schwarz-Weiß-Darstellung. Er hat die Chance vertan, mit einer differenzierten Argumentation eine Debatte anzustoßen über das im Untertitel angesprochene wichtige Thema, wie die Europäer aus dem Schatten der USA treten könnten.

© SZ vom 19.04.2021/odg
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