Ein Bild und seine Geschichte:Als Lübeck im Flammenmeer versank

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Luftangriff auf Lübeck, 1942

Der brennende Lübecker Dom nach dem Luftangriff am 29. März 1942.

(Foto: SZ Photo)

Im März 1942 wurde die Hansestadt als erste deutsche Metropole durch die Royal Air Force zerstört. Vorher hatte Hitler damit begonnen, britische Städte "auszuradieren" - und Churchill damit inspiriert.

Von Oliver Das Gupta

Ein Bild und seine Geschichte

SZ.de zeigt in loser Folge jeweils ein besonderes Foto oder eine besondere Abbildung. Hinter manchen Aufnahmen und Bildern steckt eine konkrete Geschichte, andere stehen exemplarisch für historische Begebenheiten und Zeitumstände. Übersicht der bisher erschienenen Texte

Eine helle Nacht von Samstag auf Sonntag bringt Zerstörung über Lübeck. Bei Vollmond und klarer Sicht steuern britische Flieger die Hansestadt an der Trave an. In zwei Wellen erscheint die Royal Air Force und wirft tödliche Last ab: Allein mehr als 25 000 Stabbrandbomben gehen auf Lübeck nieder; dazu neu entwickelte Sprengsätze, die mehrere Etagen durchschlagen, bevor ein zähflüssiges Benzol-Kautschuk-Gemisch ein Feuer verteilt, das kaum gelöscht werden kann.

Am Ende brennen etwa 800 000 Quadratmeter der Altstadt, fast zwei Drittel aller Gebäude sind zerstört oder beschädigt, 320 Menschen sind tot, etwa 15 000 Lübecker obdachlos. Der Dom, all die anderen Kirchen, die Kontore und Patrizierhäuser - fast alles ist in einem Flammenmeer versunken. Am Morgen des 29. März 1942 liegt das historische Lübeck weitgehend in Schutt und Asche. Die nahe gelegenen kriegswichtigen Dornier-Werke sind verschont geblieben - sie waren auch nicht das Ziel.

Der erste Großangriff auf eine deutsche Metropole im Zweiten Weltkrieg hatte einen anderen Grund: London wollte testen, inwieweit sich ein Flächenbombardement auswirkt. In den Jahren zuvor hatte die deutsche Luftwaffe damit begonnen, Städte aus der Luft zu zerstören: Gernika im Spanischen Bürgerkrieg (hier mehr dazu), im Weltkrieg Warschau und Rotterdam. Die NS-Führung ließ Ziele im Vereinigten Königreich angreifen, Coventry wurde weitgehend vernichtet (hier mehr dazu), immer wieder fielen Bomben auf London.

Durch deutsche Luftangriffe kamen mehr als 40 000 Briten um. Propagandaminister Joseph Goebbels fabulierte davon, dass die Briten bald kapitulieren. Und Adolf Hitler drohte im September 1940 der Regierung des britischen Premiers Winston Churchill: "Wenn sie erklären, sie werden unsere Städte in großem Maße angreifen - wir werden ihre Städte ausradieren!"

Churchill und Charles Portal, der Chef der Royal Air Force, ließen sich durch die deutschen Angriffe tatsächlich beeindrucken. Etwa zur selben Zeit, als Hitler seine "Ausradierungs-Rede" hielt, entwickelte London den Plan, deutsche Städte durch "maximum use of fire" zu zerstören: Feuerstürme, entfacht durch Bomben.

Arthur Harris, der neue Chef des britischen Bomber-Kommandos, schlug Lübeck als Testziel vor: Die Stadt liegt gut zu finden nahe der Küste, die Luftabwehr eher schwach, der Altstadtkern besonders brandanfällig. Bei der Planung der Attacke orientierte sich Harris bei Anzahl und Art der Bomben an einer deutschen Vorlage: der Vernichtung Coventrys durch die Luftwaffe.

Thomas Manns Verweis auf Coventry

Der im US-Exil ausharrende Thomas Mann meldete sich im Radio nach der Bombardierung seiner Heimatstadt. "Lieb ist es mir nicht", sagte der Schriftsteller, dass Lübeck "Schaden gelitten" habe. Vom Buddenbrookhaus, in dem Manns Großeltern gelebt hatten, stand nur noch die Fassade. "Aber ich denke an Coventry und habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, dass alles bezahlt werden muss."

Hitler ließ Vergeltungsattacken gegen England fliegen, aber die Luftwaffe musste sich zunehmend auf andere Fronten fokussieren. Die gleichgeschalteten Zeitungen, die bis dahin noch "London brennt an allen Ecken" jubelten, beklagten nun die Angriffe der Briten und der anderen Alliierten auf deutsche Städte, die ein furchtbares Ausmaß annehmen sollten.

75 Jahre später ist Lübecks Altstadt wieder aufgebaut. Zentraler Gedenktag ist der 25. März, die Kirchen erinnern an die Opfer am Palmsonntag vor Ostern. Für den 9. April ist ein Festgottesdienst geplant. Dann singt der Chor der Kathedrale aus dem britischen Coventry.

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