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Oberlandesgericht in Frankfurt:Großer Medienandrang vor Lübcke-Prozess

Prozessauftakt im Mordfall Lübcke

Journalisten und Prozessbesucher warten vor dem Gerichtsgebäude mit Regenschirmen und Campingstühlen auf Einlass.

(Foto: dpa)

Es ist der bedeutendste Prozess der Bundesrepublik seit dem NSU-Prozess - doch der Platz für Journalisten ist aufgrund der Corona-Pandemie nur spärlich vorhanden.

Von Tamara Marszalkowski, Frankfurt

Es ist der bedeutendste Prozess der Bundesrepublik seit dem NSU-Prozess, dementsprechend groß ist das Medieninteresse. Am Vortag um 21 Uhr stehen bereits die ersten Journalisten in der Schlange vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt - dabei beginnt erst an diesem Dienstag um 10 Uhr in Gebäude C die Hauptverhandlung um die Rechtsextremisten Stephan E. und Marcus H. Sie sind wegen Mordes an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke angeklagt. Der CDU-Politiker wurde vor über einem Jahr auf seiner Terrasse in Wolfhagen-Istha mit einem Kopfschuss getötet. Es ist der mutmaßlich erste rechtsradikale Mord an einem Politiker seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland.

Den Auftakt heute macht die Bundesanwaltschaft. Die Anklageschrift ist umfangreich: Mord, versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und Beihilfe zum Mord. Das Material füllt 240 DIN A4 Aktenordner - das sind knapp 20 Meter. 30 Verhandlungstermine sind bis Ende Oktober angesetzt.

Lediglich 19 Plätze gibt es wegen der Corona-Pandemie für Journalisten im Verhandlungssaal. Hinzu kommen 41 Plätze in einem Medienraum, in dem nur der Ton der Verhandlung übertragen wird. Am Vortag um 23 Uhr stehen bereits elf Journalisten an. Der Verteidiger von Stephan E., Rechtsanwalt Frank Hannig, kommt am Oberlandesgericht vorbei und schaut sich die Schlange an. Er schaut auf das Motto, das über dem Eingang steht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - Artikel 1 des Grundgesetzes. Er schaut auf die Journalisten, die auf Gartenstühlen und Bierkisten sitzen, und geht wieder. Um 24 Uhr bauen Polizisten Absperrgitter auf. Gegen 3 Uhr morgens kommen Journalisten Nummer 13 und 14. Nun ist die Schlange fast so lang wie das Aktenmaterial.

Die Stimmung unter den Wartenden ist trotz Kälte und Nieselregen gespannt. Um 4.30 Uhr dürften alle Plätze im Verhandlungssaal bereits vergeben sein. Nun stellen sich auch langsam Menschen in der Zuschauerschlange an. Die meisten davon ebenfalls Jounalisten. Zumindest ein Zuschauer ist privat da. Der 22-Jährige hat sich um 5 Uhr morgens angestellt. Er habe die NSU-Protokolle gelesen und wolle die Chance nutzen, so einen gesellschaftsverändernden Prozess von Anfang an mitverfolgen zu können. "Beim NSU-Prozess wurde kein Netz aufgedeckt, nur einzelne Akteure. Es sorgt mich, dass das beim Lübcke-Prozess auch wieder nur auf Einzelpersonen übertragen wird", sagt der junge Mann.

Um 5 Uhr morgens kommt Bewegung in die Schlange der Wartenden. Kollegen wechseln sich ab - sie standen in Schichten an. Kamerateams beginnen mit Live-Schalten und Beiträgen. Journalisten versorgen ihre Kollegen mit frischen Brötchen und Kaffee. Mittlerweile reicht die Presse-Schlange weit um das Gebäude in der Konrad-Adenauer-Straße herum. Etwa ein Dutzend Polizisten marschiert in voller Montur und Mundnasen-Schutz das Gelände auf und ab.

Auch die Familie von Walter Lübcke will heute zur Hauptverhandlung kommen. Damit wollen sie eigenen Angaben zufolge ein Zeichen für die freiheitliche Demokratie setzen und klar Position beziehen. In Frankfurt sind Demonstrationen angekündigt.

© SZ.de/lalse
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