bedeckt München 16°

Lübcke-Prozess:Waffen waren ihm wichtiger

17.09.2020, xjhx, News Lokales, Prozess: Tod von Dr. Walter Luebcke - deloka, emonline, delahe, v.l. Angeklagter Markus

Wird Markus H. bald den Gerichtssaal nicht mehr im Zusammenhang mit Walter Lübcke betreten müssen?

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Die Ex-Partnerin des Mitangeklagten Markus H. gibt einen Einblick in dessen Welt.

Von Matthias Drobinski, Frankfurt

Lisa-Marie D. trägt kurze, blonde Haare und eine Brille, die Schultern sind breit, der Nacken ist stark, sie hat im Gartenbau gearbeitet und in der Security, Flüchtlingsheime bewacht, ausgerechnet. Frau D. sieht älter aus als die 31 Jahre, die sie ist. Unter dem Pullover schauen Tätowierungen hervor. Sie soll vor dem Frankfurter Oberlandesgericht über den Man erzählen, den sie einst liebte und der nun auf der Anklagebank sitzt, über Markus H., der Stefan Ernst geholfen haben soll, den Kasseler Regierungspräsidenten und CDU-Politiker Walter Lübcke zu erschießen. Was kann sie sagen über den Mann, den die Staatsanwaltschaft für den ideologischen Kopf hinter dem Schützen hält?

Frau D. erzählt, mal schnoddrig, mal nach Wörtern suchend, die Geschichte der untergegangenen Hoffnung. 2014 haben sie sich kennen gelernt, über eine Social-Media-Plattform. Sie war neu in Nordhessen, sie chatteten über Hunde, über den Trödelmarkt, auf dem H. einen Stand hatte. Dass ihr neuer Bekannter sich bald als Waffennarr vorstellte, störte sie so wenig wie seine rechte Gesinnung. Sie trägt ein Tattoo: "Meine Ehre heißt Treue" - darunter drei Hundenamen. Das habe was mit Hitler zu tun, weiß sie über den Leitspruch der Waffen-SS nach einigem Nachbohren des Vorsitzenden Richters Thomas Sagebiel und des Ernst-Verteidigers Mustafa Kaplan. Aber da sei sie 15 gewesen und habe das auf die Hundetreue bezogen. H. sei anders gewesen als die anderen, "er wollte der Alleinbestimmer seines Lebens sein". Die beiden kommen zusammen. Fast immer treffen sie sich bei ihr, selten bei ihm. Die Wohnung ist vollgestopft mit Werkzeugen, Waffen, einer Vorrichtung zum Befüllen von Patronenhülsen.

Sie stellt die Ohren auf Durchzug, wenn die Männer politisieren. Manches war ihr unheimlich

Vor zwei Wochen stand die Frau des mutmaßlichen Schützen Stefan Ernst im Zeugenstand, die nie fragte und gehorchte. Lisa-Marie D. dagegen kam mit zum Schützenverein, fuhr mit auf die Demo der AfD. Und doch war da die Barriere zwischen ihr und den Männern. Die politisierten ständig, redeten vom bevorstehenden Bürgerkrieg und dass die Deutschen sich bewaffnen müssten. Manches war ihr unheimlich. Wenn H. von dem Kollegen erzählte, der, sollte er unheilbar krank sein, mit einem Sprengstoffgürtel möglichst viele "Kanaken" mit in dem Tod nehmen würde. Wenn sie den Chat H.s mit dem regional bekannten Neonazi S. las. So viel Hass.

Sie stellt, so erzählt sie, die Ohren auf Durchzug, wenn die Männer politisieren. Die Nazi-Bücher im Hause H. ignoriert sie. Wenn sie sagt, H. sei der Denker und Ernst der Macher gewesen, dann ist das kein Kompliment für den Denker. Die beiden hätten "zueinander gepasst wie Arsch auf Eimer", sagt sie, wobei sie das Wort "Freundschaft" nicht verwenden will. Freundschaft, das sei etwas Inniges, wo man sich mal zum Kaffee einlädt. Und nicht nur über die Flüchtlinge schimpft und den Scheiß-Staat. Die Empörung über das Video, in dem Lübcke sagt, wer die Werte des Landes nicht teile, dem stehe es frei, zu gehen - die teilt sie. Wobei es ihr Angst macht, wie H. sich da vor Wut versteift.

Lisa-Marie D. hofft auf ein Familienleben. Sie bekommt 2016 ein Kind, H. interessiert das nicht. Sie schleift ihn zum Psychologen, der sagt, H. könne manisch-depressiv sein, H. geht nicht wieder hin. Manisch-depressiv - das könnte das Ende der Waffenbesitzkarte bedeuten. Die Waffen sind ihm wichtiger als Frau und Kind. Er trennt sich. Frau D. zieht nach Brandenburg.

Die beiden streiten bis heute ums Sorgerecht für ihre bald vierjährige Tochter. Ob das ihre Aussage beeinflusst habe? Nein, sagt sie. Einmal habe sie H. weinen gesehen. Als er von seiner zerrissenen Kindheit erzählt habe.

© SZ vom 18.09.2020
Zur SZ-Startseite