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Mord-Prozess:"Da habe ich den Entschluss gefasst, dem Herrn Lübcke was anzutun"

Prozess im Mordfall Lübcke

Stephan Ernst (rechts), der des Mordes an Walter Lübcke angeklagt ist, am Donnerstag zusammen mit seinem Anwalt.

(Foto: Kai Pfaffenbach/dpa)

Trotz Widerstands der Anwälte wird im Lübcke-Prozess das Vernehmungsvideo gezeigt. Der Angeklagte Stephan Ernst gibt darin die Tat zu.

Von Annette Ramelsberger, Frankfurt

Der Angeklagte weint. Er bricht in Tränen aus, als er sich selbst reden hört, in jenem Video, das die Polizei von seiner Vernehmung gemacht hat. In diesem Video hat er alles gestanden: wie er sich Waffen besorgt hat, wie er das Haus des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ausgekundschaftet, wie er am Ende Lübcke erschossen hat. Vier Stunden dauert dieses Video, doch schon nach zehn Minuten beginnt Stephan Ernst im Gerichtssaal zu weinen. Er wischt sich mit den Fingern die Tränen aus den Augen, sein Anwalt will eine Unterbrechung, damit sich "Herr Ernst emotional beruhigen kann, sich das Gesicht waschen kann". Da eilt der Vertreter der Bundesanwaltschaft quer durch den Saal. "Ich habe ein Taschentuch", ruft er und reicht dem Angeklagten ein Päckchen Tempo.

"Brauchen Sie eine Pause?", fragt der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel den Angeklagten. Der schüttelt den Kopf. Dann geht es weiter.

Stephan Ernst beantwortet der Polizei im Video alle Fragen - erst viel später wird er widerrufen

Das Video ist das Hauptbeweismittel im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder von Walter Lübcke, der am 1. Juni 2019 mutmaßlich von Ernst erschossen worden ist - weil er sich für die Unterbringung von Flüchtlingen eingesetzt hat. Am 25. Juni 2019 hat der Rechtsradikale Stephan Ernst in allen Details ausgesagt, wie er auf der Pferdekoppel neben dem Haus der Lübckes wartete, wie er mit der Wärmebildkamera vorbeifuhr, um zu sehen, ob Lübcke auch da ist. Wie er sich anschlich. Und es ist eine Videovernehmung nach allen Regeln der Kunst: Immer wieder wird Ernst von den beiden Polizisten belehrt, ihm wird Wasser hingestellt, gesagt, dass man jederzeit unterbrechen könne. Er wird auch gefragt, ob er einen Anwalt will. "Ich verzichte erst mal auf einen Anwalt", sagt er. Später nahm er sich doch Anwälte, auf deren Anraten er das Geständnis widerrief.

Was hatten die Verteidiger nicht alles versucht, um zu verhindern, dass dieses Video vom Geständnis des Stephan Ernst im Gerichtssaal abgespielt wird. Eine Verteidigerin des Mitangeklagten Markus H. hatte so lange die Position des Fernsehers moniert, bis der Richter sagte: "Es grenzt ein bisschen hier ans Lächerliche." Dann erklärte einer der Verteidiger von Ernst, das Geständnis könne mit unzulässigen Vernehmungsmethoden zustande gekommen sein. Der Angeklagte habe Beruhigungsmittel bekommen, er habe die Tage davor schlecht geschlafen.

Als das Video beginnt, ist es ganz ruhig im Saal. Auch Stephan Ernst in seinem schwarzen Anzug schaut interessiert auf die Leinwand hinter dem Richtertisch, wohin das Bild projiziert wird. Er sieht sich da selbst sitzen, in rotem T-Shirt, mit Zwei-Tage-Bart. Man sieht diesen Mann, wie er mit sich ringt, wie er immer wieder tief und scharf die Luft einzieht. Aber da sitzt niemand, der augenscheinlich müde ist oder von Beruhigungsmitteln gedämpft. Ernst beantwortet den Polizisten im Video alle Fragen, er nennt jede Adresse, hat jeden Namen parat. Und er sagt etwas, das bisher nicht bekannt war, das nicht in die Anklage eingeflossen ist: Stephan Ernst hat offensichtlich an seinem Arbeitsplatz Waffen verkauft. Er hat unter den Kollegen bei der Metallbaufirma Hübner in Kassel Gesinnungsgenossen gefunden. "Die hatten die gleichen politischen Ansichten wie ich", sagt Ernst in der Vernehmung.

Und er gibt zu: Zwei Kollegen, Timo A. und Jens L. hätten von ihm Gewehre erworben, einer auch einen SA-Dolch. "Ich will nicht rumreden, ich will nichts beschönigen, wie wir damals geredet haben: 'Merkel will das Land zerstören. Wir werden überflutet mit Ausländern. Da müssen wir was machen'." Er habe in den Arbeitskollegen "Sympathisanten" gefunden.

Und er hatte über einen Trödel- und Waffenhändler Zugang zu Schusswaffen. Geld wollte er mit den Waffen für die Kollegen verdienen, aber: "Es schadet nichts, die Leute zu bewaffnen, damit man vorbereitet ist." Vorbereitet auf den Bürgerkrieg, der bald ausbrechen werde. Davon waren Ernst und sein Mitangeklagter Markus H. überzeugt. "Unser Vorhaben war, Deutschland zu befreien", sagt Stephan Ernst im Video.

Als er das sagt, ist er ganz ruhig, ganz gefasst. Was ihm die Tränen in die Augen treibt, ist etwas anderes. Seine Familie. Seine Kinder. 15 und 17 sind das Mädchen und der Junge. Und er habe ihnen immer gesagt, sie sollten Teil dieser Gesellschaft werden, sie sollten auf ihre Lehrer hören. "Ich habe gefühlt, dass ich nicht kompetent genug bin, um meinen Kindern das zu geben, was sie brauchen." Dabei sei es doch gut gelaufen, als er sich von der rechten Szene abgewandt habe.

Aber dann habe er in der Firma seinen alten Freund Markus H. wieder getroffen. Mit ihm hat er politisiert, mit ihm ging er Schießen üben. Aber er nimmt ihn auch ausdrücklich in Schutz: "Ich kann dieser Person nicht vorwerfen, dass sie mich zu irgendwas angestiftet hat. Was ich weiter tat, habe ich aus eigenem Antrieb gemacht." Die Bundesanwaltschaft hat Markus H. gleichwohl wegen "psychischer Beihilfe" zum Mord an Lübcke angeklagt.

Dann wird es konkret. "Kannten Sie Herrn Lübcke vorher?", fragt der Vernehmer. Vorher, vor der Bürgerversammlung in Lohfelden, wo Stephan Ernst und Markus H. Lübcke 2015 zuhörten, als er sagte, die Flüchtlinge brauchten eine Unterkunft, und wer keine christlichen Werte habe, der könne Deutschland auch verlassen. "Ich kannte den vorher nicht", antwortet Ernst. Er sei baff gewesen, aufgebracht über diese Worte. Und er sei sich mit seinem Freund Markus H. einig gewesen, dass man gegen Lübcke "was machen" müsse.

Anschließend erzählt Ernst über den Terroranschlag von Nizza im Jahr 2016, die Schreie, das Blut. Und man sieht, wie Stephan Ernst im Video zu weinen beginnt, er hält sich die Hände vors Gesicht. "Alles gut", sagt der Polizist, "lassen Sie sich Zeit." - "Ich hätte es nicht tun dürfen", sagt Ernst. Aber da war eben Nizza. "Spätestens da habe ich den Entschluss gefasst, dem Herrn Lübcke was anzutun."

© SZ vom 19.06.2020/fued
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