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Luanda Leaks:Kartell der Verdränger

Das Beispiel Angola zeigt, was üblich ist im globalisierten Geschäft: Anwälte, Prüfer und Banker stehen bei windigen Geschäften hilfreich parat. Und hinterher will keiner etwas gewusst haben.

Von Nicolas Richter

Isabel dos Santos, die als Milliardärin und reichste Frau Afrikas gilt, hat jüngst auf Twitter ein Bild des Comichelden Obelix verbreitet: Es zeigt ihn als Kind, kurz bevor er in den Zaubertrank fällt und damit lebenslang mit übermenschlicher Kraft gesegnet wird. Was dos Santos damit sagen wollte, weiß niemand, aber es beschreibt ihr eigenes Leben: Als Tochter des autokratischen Präsidenten von Angola war sie von frühester Kindheit an mit Startvorteilen ausgestattet, die sich ihre Landsleute nicht einmal vorstellen konnten. Ihr Vater gewährte ihr, als sie erwachsen war, staatliche Aufträge, Lizenzen und Steuervorteile. Die Gemeinsamkeit mit Obelix: Isabel dos Santos war mit unbändiger (finanzieller) Kraft ausgestattet - und für jedermann war offensichtlich, dass dies nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Ihr Zaubertrank war die Macht ihres Vaters.

Das Rechercheprojekt Luanda Leaks offenbart jetzt das Ausmaß kollektiver Verdrängung unter internationalen Anwälten, Prüfern, Bankern und sonstigen Wortführern des globalisierten Geschäfts. Etliche von ihnen scheinen die offenkundige Vetternwirtschaft in Angola jahrelang verdrängt zu haben. Sie haben prächtig daran verdient, dass dos Santos ihr Vermögen - es stammt aus dem Öl- und Diamantenreichtum ihrer ansonsten bettelarmen Heimat - in ihrem weitverzweigten Firmennetz unterbrachte. Wie so oft, wenn Politiker, Superreiche und windige Geschäftsleute zweifelhaftes Vermögen verschieben, standen auch im Fall dos Santos etliche hilfreiche Advokaten, Berater und Finanzdienstleister parat. Der Branchenriese PwC war so verstrickt, dass dessen Chef jetzt angekündigt hat, es könnten in seinem Haus Köpfe rollen, wobei er allerdings nicht seinen eigenen meinte.

Der Filz der Familie dos Santos war weder subtil noch diskret. Seit Jahren schon zeichnete sich ab, dass Isabel dos Santos' Erfolg nicht nur ihrem Talent entsprang, sondern ihrem bevorzugten Zugang zu den ertragreichsten Geschäften Angolas. Ohne die Luanda Leaks wäre dos Santos in diesem Jahr beim Weltwirtschaftsforum in Davos aufgetreten - vermutlich hätte man sie, wie so oft, als ermutigendes Erfolgsbeispiel aus Afrika vorgestellt. Zu den Sponsoren in Davos gehörte ihre Mobilfunkfirma Unitel, die ihre kostbare Mobilfunklizenz einst ohne öffentliche Ausschreibung direkt vom Präsidentenvater und Vaterpräsidenten erhalten hatte.

Eine ähnlich drastische Form der Realitätsverweigerung zeigte sich bei der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau, deren Tochter Ipex so gern deutsche Exporte nach Angola finanzieren wollte, dass sie alle Vorsicht aufgab. Obwohl offensichtlich war, dass Isabel dos Santos die Nutznießerin sein würde, und obwohl diese schon unter Filzverdacht stand, stellte die KfW-Ipex-Bank ein Darlehen von 50 Millionen Euro bereit. Sie behauptet heute, für die Compliance-Prüfung sei eine Bank in Angola zuständig gewesen. Weil diese aber wiederum dem Dos-Santos-Staat unterstand, war es lebensfremd, eine kritische Prüfung zu erwarten.

Anwälte, Prüfer und Banker haben sich also wieder einmal dumm gestellt. Sie haben die üblichen Ausflüchte wie Nichtwissen oder Nichtzuständigkeit benutzt, um das Treiben von Wohlhabenden zu erleichtern, die unter schwerem Kleptokratieverdacht standen. Geld kann Blinde sehend machen, heißt es - und Sehende blind.

© SZ vom 01.02.2020

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