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Internationales Investigativ-Projekt:Sieben Fragen und Antworten zu den Luanda Leaks

Massiv vom Einfluss ihres Vaters profitiert: Isabel dos Santos, Tochter des ehemaligen angolanischen Präsidenten José Eduardo dos Santos.

(Foto: Miguel Riopa/AFP)

Wer ist Isabel dos Santos? Woher stammt das Material? Und wie sind die Verbindungen nach Deutschland? Die wichtigsten Fakten zu den Enthüllungen über Angolas frühere Präsidentenfamilie.

Mehr als 715 000 E-Mails, Verträge und Memos haben Informanten einer afrikanischen Whistleblower-Plattform zugespielt. Die Dokumente, die ein internationales Investigativ-Netzwerk aus mehr als 120 Journalistinnen und Journalisten ausgewertet hat, legen Interessenkonflikte und Vetternwirtschaft der früheren angolanischen Präsidentenfamilie offen und belasten unter anderem Isabel dos Santos schwer.

Wer ist Isabel dos Santos?

Isabel dos Santos gilt als reichste Frau Afrikas, ihr Vermögen wird auf mehr als zwei Milliarden Dollar geschätzt. Sie war lange ein Star der internationalen Geschäftswelt, war Gastrednerin bei Elite-Universitäten und Konferenzen. Sie hat oft erzählt, dass sie ihren Erfolg als Geschäftsfrau und Unternehmerin nur sich selbst zu verdanken habe. Allerdings ist sie auch die Tochter des ehemaligen angolanischen Präsidenten José Eduardo dos Santos, der sein Land von 1979 bis 2017, also fast vier Jahrzehnte lang, autokratisch regierte. Inzwischen wird immer deutlicher, dass die vermeintliche "self made woman" Isabel dos Santos massiv vom Einfluss ihres Vaters profitiert hat.

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Deutsches Geld für die reichste Frau Afrikas

Mehr als 700 000 Dokumente geben Einblick in dubiose Geschäfte der angolanischen Präsidententochter Isabel dos Santos - auch in den Kredit einer staatlichen Förderbank.   Von Bernd Dörries, Luanda, Nicolas Richter und Tobias Zick

Was sind die Luanda Leaks?

Die Luanda Leaks, benannt nach der angolanischen Hauptstadt, umfassen mehr als 715 000 E-Mails, Verträge, Memos. Sie legen Interessenkonflikte und Vetternwirtschaft der früheren angolanischen Präsidentenfamilie offen. Eine Fülle neuer Details nährt den Verdacht, dass Isabel dos Santos erheblich von der Stellung ihres Vaters an der Staatsspitze profitiert hat. Unternehmen, an denen sie beteiligt war, erhielten unter anderem eine Mobilfunklizenz, öffentliche Aufträge, Steuervergünstigungen und Kredite. Isabel dos Santos wurde von ihrem Vater zudem an die Spitze des staatlichen Ölkonzerns Sonangol befördert, den sie von 2016 bis 2017 leitete. Ihr Nachfolger bei Sonangol hat ihr vorgeworfen, in dieser Zeit Millionen Dollar veruntreut zu haben, was dos Santos bestreitet.

Woher stammt das Material?

Das Material wurde zunächst der "Platform to Protect Whistleblowers in Africa" (PPLAAF) zugespielt. Anfangs erklärte die Organisation, das Material stamme von einem Whisteblower, der weder aus finanziellen noch aus politischen Motiven handele. Am 27. Januar 2020 erklärte PPLAAF, das Material stamme von Rui Pinto, einem Portugiesen, der bereits Quelle für das Enthüllungsprojekt "Football Leaks" war. Pinto sitzt derzeit in Portugal in Untersuchungshaft und wartet auf seinen Strafprozess, in dem er unter anderem wegen Cybrerkriminalität angeklagt ist.

Die Organisation PPLAAF stellte die Dokumente zu Angola dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) in Washington zur Verfügung, das bereits Projekte wie Panama Papers oder Implant Files koordiniert hat. Das ICIJ arbeitete bei den Luanda Leaks mit mehr als 120 Journalistinnen und Journalisten aus 20 Ländern zusammen. Beteiligt waren 36 Medienhäuser, unter anderem New York Times, Guardian und BBC. In Deutschland recherchierten die Süddeutsche Zeitung, der Norddeutsche Rundfunk (NDR) und der Westdeutsche Rundfunk (WDR) mit.

Wie verteidigt sich Isabel dos Santos?

Luanda Leaks Erfolg per Dekret
Luanda Leaks

Erfolg per Dekret

Isabel dos Santos gilt als reichste Frau Afrikas und schreibt sich ihren Aufstieg selbst zu. Dabei hat sie viele Wettbewerbsvorteile erhalten - durch ihren Vater, den Präsidenten.

Isabel dos Santos hat zu den Vorwürfen aus den Luanda Leaks per Erklärung ihrer Anwälte sowie bei einem Interview mit der BBC in London Stellung genommen. Sie weist sämtliche Vorwürfe zurück. "Nun, das sind falsche Unterstellungen", erklärte sie. "Es gibt einen orchestrierten Angriff der jetzigen Regierung, der vollständig politisch motiviert ist. Er entbehrt jeder Grundlage. Ich kann sagen: Meine Beteiligungen sind wirtschaftlich, es gibt keine Gewinne aus Verträgen oder öffentlichen Verträgen oder Geld, das aus anderen Quellen stammt." Sie bestreitet auch, in ihrer Zeit als Chefin des Ölkonzerns Sonangol Geld veruntreut zu haben. Bei den umstrittenen Zahlungen an eine Firma in Dubai habe es sich um legitime Zahlungen für Beratungsleistungen gehandelt.

Ist Isabel dos Santos jetzt in Bedrängnis?

Isabel dos Santos ist zunehmend in Bedrängnis geraten, seit ihr Vater 2017 die Präsidentschaft abgegeben hat. Dessen Nachfolger João Lourenço entfernte sie umgehend von der Spitze des Ölkonzerns Sonangol und entzog ihr einen öffentlichen Auftrag für ein großes Infrastrukturprojekt in Luanda. Im Dezember 2019 stellte das ICIJ der angolanischen Regierung eine Reihe von Fragen zu den Geschäften der Familie dos Santos. Wenig später erklärte die angolanische Justiz, Isabel dos Santos, ihr Mann und ein Vertrauter hätten sich auf Staatskosten um mehr als eine Milliarde Dollar bereichert. Die Justiz fror deswegen Konten und Beteiligungen von Isabel dos Santos und ihrem Mann ein. Die Luanda Leaks könnten zu weiteren Ermittlungen führen.

Hat das Ganze auch mit Deutschland zu tun?

Es gibt in den Luanda Leaks auch eine Spur nach Deutschland. So hat die deutsche Firma Krones AG der angolanischen Brauerei Sodiba, die von Isabel dos Santos kontrolliert wird, im Jahr 2015 Brauerei-Anlagen und zwei Abfülllinien im Wert von rund 50 Millionen Euro verkauft. Die Krones AG aus der Oberpfalz stellt Anlagen für die Getränke- und Verpackungsindustrie her, setzt pro Jahr knapp vier Milliarden Euro um und beschäftigt mehr als 10 000 Mitarbeiter. Sie erklärt, sie habe im Jahr 2015 nicht gewusst, dass Isabel dos Santos hinter der Brauerei Sodiba stand, obwohl dies bereits 2013 im angolanischen Amtsblatt zu lesen war.

Finanziert wurde der Deal von einer angolanischen Bank, die sich das Geld wiederum bei der deutschen Exportförderbank KfW Ipex in Frankfurt lieh. KfW Ipex ist eine Tochter der bundeseigenen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Die Bank erklärt, sie sei bei der Kreditvergabe im Jahr 2015 nicht für die Überprüfung möglicher Interessenkonflikte von Isabel dos Santos zuständig gewesen, dies sei Sache der angolanischen Partnerbank gewesen. Isabel dos Santos erklärt, ihre Brauerei sei privat finanziert worden und habe nie Geld vom Staat erhalten.

Sind auch andere europäische Länder betroffen?

Ja, insbesondere Portugal, die ehemalige Kolonialmacht über Angola. In Portugal hat Isabel dos Santos unter anderem in ein Mobilfunk-Unternehmen investiert, in einen Öl- und Gaskonzern, eine Bank und in einen Hersteller von Elektromotoren. Beim Kauf des Öl- und Gaskonzerns Galp, der über ihren Ehemann lief, hat dieser von einem sehr günstigen Kredit von Sonangol profitiert, dem staatlichen Ölkonzern Angolas, den Isabel dos Santos zeitweise leitete. Bis heute ist strittig, ob der Kredit ordnungsgemäß zurückgezahlt wurde. Isabel dos Santos sagt, an dem Geschäft sei nichts Unrechtmäßiges. Kritiker wie die portugiesische Europapolitikerin Ana Gomes werfen den portugiesischen Behörden vor, bei Investitionen aus Angola nicht konsequent genug gegen mögliche Geldwäsche vorzugehen.

© sz.de/biaz
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Nicht unser Bier

Die deutsche Krones AG verkaufte 2015 mit Hilfe einer KfW-Bank Anlagen nach Angola. Angeblich wusste sie nicht, dass sie sich dabei mit der Präsidentenfamilie einließ.

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