USA:Stadt ohne Engel

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USA: Blauer Himmel über der Stadt der Engel

Blauer Himmel über der Stadt der Engel

(Foto: Sergiy Tryapitsyn/PantherMedia / Sergiy Tryapitsyn)

Aufregung in Hollywood: Das fast 100 Jahre alte Kloster "Monastery of the Angels" soll geschlossen werden.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Natürlich wird Los Angeles von Engeln bewacht; jeder, der daran zweifelt, sollte an diesen wunderbaren Ort pilgern. Nein, nicht zur Brücke im MacArthur Park aus dem unvergessenen Song "Under the Bridge" von den Red Hot Chili Peppers - dorthin geht man für einen Pakt mit dem Teufel, den in dieser Stadt auch einige geschlossen haben. Für die Engel wandert man eine ganze Weile vom Griffith Observatory aus in Richtung Hollywood-Zeichen, und dann sieht man es, direkt unter dem "H": Monastery of the Angels.

Seit 1924 gibt es dieses Kloster des Dominikanerordens. In L.A. ist es bekannt fürs formidable Kürbisbrot, das recht weltlich verkauft wird; und dafür, dass die Nonnen rund um die Uhr Gebete gen Himmel schicken und dafür ihre Augen verschließen vor dem, was sonst so alles in den Hollywood Hills passiert. Es heißt, dass berühmte Nachbarn häufig zur Kapelle pilgern, ihre Sünden beichten, für einen erfolgreichen Filmstart beten oder göttliche Eingebung fürs nächste Album erbitten - doch all das soll nun vorbei sein: Der Orden hat angekündigt, das Haus zu schließen, in dem noch fünf Nonnen leben statt wie einst bis zu 45.

Die Ankündigung löst gewaltige Aufregung aus in der Stadt, weil: Verliert die City of Angels wirklich seine Engel? Es heißt, dass dieses Grundstück etwa 2,7 Millionen Dollar wert ist, bei einem Verkauf allerdings auch das Doppelte erlösen könnte. Die Nachbarn fürchten, dass die notwendigermaßen vermögenden Käufer dann ein architektonisches Götzenbild errichten und weltlichen Freuden frönen könnten - also eine Pilgerstätte in den Hollywood Hills schaffen für jene, die davor unter der MacArthur-Brücke gesündigt haben und weiter sündigen wollen.

Man muss das alles in einem größeren Zusammenhang betrachten: In L.A. passiert, was gerade an so vielen Orten passiert. Mieten und Grundstückpreise steigen ins Unermessliche, Orte verlieren ihre Alleinstellungsmerkmale. Das Künstler-Hotel "Chateau Marmont" auf dem Sunset Strip sollte erst zum Privatclub umfunktioniert werden, nun ist es ein sündhaft teures Edelhotel mit einem, wie sie es nennen, "Allerheiligsten" für Mitglieder. Das ist nicht nur blasphemisch, sondern auch dumm, weil ein Ort wegen der Leute legendär wird. Der damals unbekannte James Dean etwa hüpfte dort durch ein Fenster, um die Rolle in "Rebel Without a Cause" zu kriegen - und störte dabei eine Affäre von Regisseur Nicholas Ray mit Schauspielerin Natalie Wood. Wie cool kann ein Ort sein, den sich nur Reiche leisten können, die glauben, sich Coolness leisten zu können?

Es verschwinden viele dieser oft schrulligen Einzigartigkeiten: der "101 Coffee Shop" in Hollywood, das "Pacific Dining Car" in Santa Monica, die Dive-Bar "Poop Deck" in Hermosa Beach. Bei der Monastery of the Angels gab es Hoffnung: Wohlhabende Nachbarn starteten eine Petition und wollten finanziell helfen - doch darum geht es offenbar nicht. Es heißt, die Nonnen würden untereinander heftig streiten und deshalb abgezogen, und das macht alles noch viel schlimmer. Was sagt das über die City of Angels aus, wenn nicht mal die irdischen Vertreter miteinander klarkommen und noch hier leben wollen?

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