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London Fashion Week:Das letzte Hemd

Lieferengpässe, Einfuhrzölle, Visastress - die Modebranche in der Hautpstadt Großbritanniens füchtet den Brexit ganz gewaltig.

Von Silke Wichert

Was auch immer der Brexit am Ende bringen wird - für genügend Gucci-Taschen und Moët-Champagner auf der Insel ist bis auf Weiteres gesorgt. Wie die Branchenseite Business of Fashion berichtete, haben sowohl der Luxuskonzern Kering als auch die Konkurrenz von LVMH, beide mit Sitz in Paris, ihre Warenlager in Großbritannien vorsichtshalber deutlich aufgestockt. Sie wollen gerüstet sein für eventuelle Lieferengpässe beim drohenden No-Deal-Szenario. Wäre ja auch nicht auszudenken, wenn da wegen dieses bisschen Zollchaos an den Grenzen plötzlich unschöne Lücken in den Auslagen sichtbar würden.

Der Trend zum Hamstern ist nur eines der Themen, welche die Modewelt bei der gerade laufenden London Fashion Week beschäftigen. Werden all die Models, Stylisten, Fotografen, Einkäufer bald noch ohne großen Visa-Aufwand einreisen dürfen? Wie viel teurer wird britische Designerware, wenn Leder, Stoffe und Garne demnächst möglicherweise mit Einfuhrzöllen belegt werden? Wer nicht vorhat, sich auf Strickkollektionen aus schottischer Lambswool zu spezialisieren, muss wohl oder übel einen Großteil seiner Materialien importieren, im Schnitt 75 Prozent, um genau zu sein, das meiste davon kommt aus der EU. Die Finanzchefin der britischen Marke Burberry, Julie Brown, hatte bereits im Januar gewarnt, im Fall eines ungeregelten Brexit kämen auf das Modehaus Dutzende Millionen Pfund an Zusatzkosten hinzu.

Laut Umfragen haben 90 Prozent der britischen Designer beim Referendum 2016 für einen Verbleib in der EU gestimmt. Jetzt sind sie vor allem wütend, weil in den Debatten ständig von Fischerei die Rede ist, aber fast nie von der Modeindustrie - die mit 890 000 Beschäftigten fast so groß wie der Finanzsektor ist und im Vergleich zu anderen Branchen überproportional wächst. 2017 betrug der Anteil am Bruttoinlandsprodukt 32,3 Milliarden Pfund. Der könnte allerdings empfindlich schrumpfen, wenn Designer sich entschlössen, weite Teile der Produktion auszulagern. Oder falls die jungen Kreativen aus der ganzen Welt, die an den berühmten Londoner Modeschulen ausgebildet wurden, ihre Marken demnächst lieber gleich in Mailand oder Paris ansiedeln. Einige der größten Online-Boutiquen haben ihren Hauptsitz noch in London, sie sind auf kostengünstiges Verschicken angewiesen, etwa Matchesfashion oder Asos. Letztere hat bereits 2017 ein riesiges Logistikzentrum in Berlin eröffnet, und die unter anderem in England beheimatete Firma Yoox Net-a-porter wird in diesem Jahr angeblich ihren Standort in Bologna erweitern.

London hatte erst in den vergangenen Jahren wieder an Bedeutung gegenüber den anderen Modemetropolen Paris, New York und Mailand gewonnen. Das British Fashion Council betreibt daher seit Wochen intensive Lobbyarbeit, um auf die Gefahren für die Branche hinzuweisen und für ein zweites Referendum zu werben. Man stehe in ständigem Austausch mit der Regierung, sagte die Geschäftsführerin Caroline Rush dieser Tage. Von Premierministerin Theresa May, die bei der Londoner Modewoche für gewöhnlich einen Empfang in Downing Street gibt, fehlt diesmal allerdings jede Spur.

© SZ vom 18.02.2019
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