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London:Das Bildnis des Oscar Wilde

Ein Fragebogen, den der Dichter einst ausfüllte, erregt Aufsehen.

Von Cathrin Kahlweit

Die Welt kennt Oscar Wilde als einen der meistgespielten Theaterautoren, als Lyriker und Journalisten, es gibt Dutzende Bücher von ihm und über ihn, ebenso Filme; seine Extravaganz, seine modischen Tollheiten, seine Kühnheit sind so legendär wie seine Sottisen, Epigramme und Sinnsprüche. Wildes Enkel, Merlin Holland, hat vor einigen Jahren aus den Transkripten des Gerichtsverfahrens, in dem Wilde 1895 zu zwei Jahren Gefängnis wegen "Sodomie und grober Unanständigkeit" verurteilt wurde, ein erfolgreiches Theaterstück gemacht. Seither kennen seine Fans auch en detail die Brutalität und die Hybris, mit welcher der homosexuelle Autor in einem öffentlichen Verfahren vorgeführt und abgeurteilt wurde.

Nun stehen, noch bis zu diesem Dienstag, bei Sotheby's in London im Rahmen einer Sommerauktion von Büchern und Manuskripten auch neue Bekenntnisse von Wilde zum Verkauf. Auktioniert werden unter anderem Briefe und einige historische Ausgaben aus dem Besitz des legendären Schauspielers Steven Berkoff, darunter der einzige Wilde-Roman, "Das Bildnis des Dorian Gray", und die erste englische Ausgabe der "Salomé". Viel Aufsehen erregt eine Art Selbstporträt: Wilde hatte 1877 als junger Mann in Oxford, lange bevor er zum berühmten Autor und Enfant terrible der Londoner Society wurde, eine Doppelseite in einem Album ausgefüllt, wie es damals populär war: "Mental Photographs" hieß der Band, in dem nach Abneigungen und Vorlieben, Gewohnheiten und Überzeugungen gefragt wurde und der "Freunden ein Abbild von Geschmack und Charakter, also eine Art seelische Fotografie" desjenigen übermitteln sollte, der die Fragen beantwortete. Der Student, der, gerade mal 23 Jahre alt, mit seinem vollen Namen - Oscar Fingal O'Flahertie Wills Wilde - unterzeichnete, zeigte schon damals in 39 Antworten den Esprit, aber durchaus auch das Selbstbewusstsein, die ihn auszeichneten.

Nachdem er sich quasi warmgeschrieben hatte und einfache Fragen nach Lieblingsfarbe (die Farbe der Rose), Lieblingsjahreszeit (Herbstbeginn) oder Lieblingsmaler (Fra Angelico, Turner) beantwortet hatte, wandte er sich persönlicheren Dingen zu. Bei seinen Lieblingspoeten etwa listete der gebürtige Ire neben John Keats auch sich selbst. Seine Lieblingsbeschäftigung: "meine eigenen Sonette lesen". Die schönsten Worte auf der Welt, findet der angehende Schriftsteller, seien "gut gemacht", das traurigste Wort: "Misserfolg". Dementsprechend formulierte er auch sein Ziel im Leben: "Erfolg" wollte er haben, der aber in seinen Augen wahlweise als "Ruhm" oder auch als "traurige Berühmtheit" eintreten durfte. Beides ist ihm gelungen.

Für die mentale Fotografie, die Wilde von sich erstellte, rechnet man bei Sotheby's mit einem Gebot von bis zu 60 000 Pfund. Allerdings hält das Auktionshaus auch einen 16-seitigen, handgeschriebenen Brief von Wilde an den Theatermanager George Alexander für spektakulär, in dem der Autor erste Ideen für eines seiner vielleicht populärsten Stücke ("Ernst sein ist alles oder Bunbury") formuliert. Das Stück erzählt von einem Mann, der im viktorianischen England ein Doppelleben führt. Für Wilde war die Premiere ein Triumph. Wenige Monate später saß er im Gefängnis.

© SZ vom 04.08.2020

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