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Messerattacke in London:Anti-Terror-Kampf mit dem Narwal-Zahn

Nach Terrorattacke in London

Forensiker untersuchen den Schauplatz der Terrorattacke nahe der London Bridge im Zentrum Londons.

(Foto: dpa)
  • Die britische Polizei erschießt einen Mann, der auf der London Bridge mehrere Menschen mit einem Messer attackiert haben soll.
  • Zwei Menschen sterben, drei weitere werden verletzt. Die Behörden stufen den Vorfall als Terror ein.
  • Vor zwei Jahren gab es auf derselben Brücke schonmal eine Terrorattacke.
  • Beim Attentäter soll es sich der Anti-Terror-Polizei zufolge um den 28-jährigen Usman K. aus Staffordshire handeln. Er soll sechs Jahre lang wegen Terror-Straftaten im Gefängnis gesessen haben und vorzeitig entlassen worden sein.

London ist erneut Ziel eines terroristischen Angriffs geworden. Als solchen zumindest behandelt die Metropolitan Police den tödlichen Vorfall, der sich am Freitagmittag gegen 14 Uhr Ortszeit an der London Bridge zutrug - genau dort, wo im Juni 2017 schon einmal drei Attentäter mit Messern auf Kneipenbesucher und Passanten losgegangen waren.

Zwei Passanten sind am Freitag getötet worden, wie die Polizei bestätigte, drei weitere wurden am Abend in Krankenhäusern behandelt. Auch der mutmaßliche Attentäter ist tot. Es soll sich um den 28-jährigen Usman K. aus Staffordshire handeln. Das sagte der Chef der britischen Anti-Terror-Polizei, Neil Basu, am frühen Samstagmorgen. K. sei im Jahr 2012 wegen Terror-Straftaten verurteilt und im Dezember 2018 vorzeitig zur Bewährung entlassen worden.

Der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge soll er Verbindungen zu islamistischen Terrorgruppen gehabt haben. Nach Angaben der Times war der Attentäter aus der Haft entlassen worden, nachdem er zugestimmt hatte, eine elektronische Fußfessel zu seiner Überwachung zu tragen.

Der Mann attackierte am Freitagnachmittag auf der London Bridge mehrere Menschen mit einem Messer. Die Polizei erschoss ihn, nachdem ihn offenbar Passanten niedergerungen und gestoppt hatten. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, dass ein Passant dem mutmaßlichen Attentäter das Messer abnahm, ein anderer ihn am Boden festhielt, bis Polizisten hinzukamen und ihn mit mehreren Schüssen töteten. Er habe eine Bombenattrappe am Körper getragen, sagte Basu.

Der Täter habe vor dem Angriff an der Veranstaltung "Zusammen lernen" in der nahe der London Bridge gelegenen historischen Fishmongers' Hall teilgenommen. Britischen Medien zufolge handelt es sich dabei um ein Resozialisierungsprogramm für Ex-Häftlinge, organisiert von der Universität Cambridge. "Wir gehen davon aus, dass der Angriff innen begann, bevor er (der Täter) das Gebäude verließ und auf der London Bridge weitermachte, wo er festgehalten und schließlich von bewaffneten Polizisten gestellt und erschossen wurde", erklärte Polizeichef Neil Basu. Der Täter sei einem Bericht der Times zufolge bereits in der Halle auf Widerstand gestoßen. Dort habe sich ein Koch aus Polen, der in dem Gebäude arbeitet, einen rund 1,5 Meter langen Stoßzahn eines Narwals von der Wand gegriffen, der dort ausgestellt war. Damit sei er auf den Angreifer losgegangen, um ihn aufzuhalten. In sozialen Netzwerken wird der Koch nun als Held gefeiert.

Auch als K. im weiteren Verlauf die Halle verließ und auf der Brücke Passanten angriff, störte der Koch den Angreifer weiter. In den sozialen Netzwerken kursieren zwei Videos, die Teile des Vorfalls auf der London Bridge zeigen sollen. In einem ist augenscheinlich zu sehen, wie der Koch mit dem Narwalzahn und gemeinsam mit zwei weiteren Personen den Täter in Schach hält. Mithilfe eines Feuerlöschers wird er abgelenkt und kann überwältigt werden. Das andere Video zeigt, wie ein Mann dem Angreifer das Messer abnimmt, ein anderer drückt ihn zu Boden. Daneben steht ein Mann mit einer Art weißen Lanze, dem Narwalzahn. Wenige Augenblicke später kommen bewaffnete Polizisten hinzu. Sie töten den Angreifer mit mindestens einem Schuss. Er habe eine Bombenattrappe am Körper getragen, sagte Polizeichef Basu. Die Times berichtete, Usman K. habe in der Halle gedroht, das denkmalgeschützte Gebäude in die Luft zu jagen.

Laut Guardian war Usman K. 2012 schuldig gesprochen worden, weil er Terrortaten geplant und Gelder dafür gesammelt habe. Er habe eine militärische Ausbildungseinrichtung für Terroristen in Kaschmir einrichten wollen. Der Richter habe seine Pläne als "ernsthaftes, langfristiges Projekt" bezeichnet und gewarnt, dass Usman K. ein anhaltendes Risiko für die Öffentlichkeit darstellen könnte. Usman K. habe auch einen Angriff auf die Londoner Börse 2010 geplant.

Basu sagte, ein weiterer Täter werde nach dem Angriff derzeit nicht gesucht. Dennoch versuche man sicherzustellen, dass keine weiteren Menschen in den Angriff verwickelt seien und keine Gefahr mehr für die Öffentlichkeit bestehe.

Die Metropolitan Police sperrte die Gegend weiträumig ab; U-Bahnen hielten nicht mehr an den Stationen Monument und London Bridge. Beamte untersuchten auch einen weißen Lastwagen, der zum Zeitpunkt des Angriffs auf der Brücke quer stand. Ob der Lastwagen etwas mit dem Vorfall zu tun hatte, war zunächst ebenfalls unbekannt.

Reaktionen aus der Politik

Premierminister Boris Johnson, der sich in seinem Wahlkreis aufgehalten hatte, fuhr in die Downing Street zurück und teilte mit, er lasse sich regelmäßig über die Vorgänge Bericht erstatten. Johnson sagte der BBC, er sei immer dagegen gewesen, dass Schwer- und Gewaltverbrecher vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen würden, insbesondere wenn es sich um Terroristen handele.

Großbritannien steckt derzeit in einem vom Streit über den Brexit geprägten Wahlkampf. Die Kontrahenten, Premierminister Boris Johnson und der Labour-Chef Jeremy Corbyn sicherten einander am Freitag telefonisch zu, ihre Wahlkampfveranstaltungen in der Hauptstadt für den Rest des Tages auszusetzen. Darüber hinaus gab Johnsons Team an, der Premierminister würde auch seine Veranstaltungen am Samstag absagen, um sich auf die Koordinierung der Sicherheitsmaßnahmen zu konzentrieren.

2017 bei den letzten Wahlen in Großbritannien wurde die Wahlkampagne nur fünf Tage vor der Abstimmung durch Terroranschläge unterbrochen. Damals war ebenso das Londoner Gebiet um die London Bridge betroffen und es wurden acht Menschen getötet und 48 verletzt.

Londons Bürgermeister Sadiq Khan trat am späten Nachmittag vor die Presse und sprach den Opfern sowie ihren Angehörigen sein Mitleid aus. Er lobte die Polizeikräfte, die extrem schnell zur Stelle gewesen seien - und pries den Heldenmut derer, die offenbar ohne Rücksicht auf ihre eigene Sicherheit eingegriffen hätten. "Sie sind die Besten von uns", sagte Khan mehrmals. Darüber hinaus verkündete er in einem Interview mit BBC Radio, dass an diesem Wochenende deutlich mehr Polizeikräfte London absichern würden.

Rund um die London Bridge herrschte am Freitagabend Verkehrschaos. An einem Tag, an dem Geschäfte traditionell hohe Rabatte gewähren, war die Innenstadt voll von Menschen gewesen. Außerdem ist die Gegend um den Borough Market, an dem auch das Attentat vor zweieinhalb Jahren stattgefunden hat, ein beliebtes Ausgehviertel mit einem gut besuchten Food Market und vielen Kneipen. Angestellte gehen dort traditionell vor dem Wochenende auf einen Drink. Ob der mutmaßliche Attentäter sich den Ort ausgesucht hatte, weil er schon einmal Ziel eines Angriffs war, ist nicht bekannt. Damals sind drei Islamisten auf der Brücke mit einem Lieferwagen in eine Menschenmenge gefahren und töteten danach acht Menschen, 48 weitere wurden verletzt. Auch in diesem Fall wurden sie von Polizeibeamten erschossen und trugen falsche Sprengstoffwesten.

Zahlreiche britische Politiker äußerten am Freitag ihre Betroffenheit über die Bluttat; Labour-Chef Corbyn bedankte sich, ebenso wie die Chefin der Liberaldemokraten Jo Swinson, explizit bei der Polizei. Auch aus den USA kam Nachricht. US-Präsident Donald Trump, der in wenigen Tagen zum Nato-Gipfel in Großbritannien aufbricht, ließ mitteilen, er werde regelmäßig über den mutmaßlichen Anschlag informiert. Die USA stünden immer solidarisch an der Seite ihrer Verbündeten.

Lesen Sie mit SZ Plus die Seite Drei zum Terroranschlag von 2017:
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