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Lobbying rund um TTIP-Abkommen:Das Aktivisten-Treffen: Junge Twitter-Fans und alte Globalisierungskritiker

Haar beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Handelspolitik. Geprägt haben ihn lange Reisen, die ihn nach der Uni nach Lateinamerika führten. "Die Gründung der Welthandelsorganisation WTO und die Tatsache, dass Entwicklungsländer durch sie benachteiligt wurden, empfand ich als ungerecht", sagt der schmale Mann mit der Allerweltsbrille und einer Vorliebe für einfarbige Pullover.

Dass es 1998 gelang, das Multilaterale Investitionsabkommen MAI zu verhindern, freut ihn bis heute: "Die Pläne zum Schutz von Investoren waren noch radikaler als heute." Er arbeitete für Dänemarks Parlament und in der Erwachsenenbildung, bevor er 2008 zu CEO kam. Seit Herbst 2013 sind Haar und seine Kollegin Pia Eberhardt wichtige Ansprechpartner von Politikern und NGOs: Sie können komplizierte Sachverhalte erklären und die Medien schätzen es, dass sie fernsehtauglich formulieren können.

Kenneth Haar, 49, arbeitet seit 2008 als Experte für die lobbykritische Nichtregierungsorganisation Corporate Europe Observatory.

(Foto: Matthias Kolb)

Auf dem Weg zu einem Aktivisten-Treffen klingelt Haars altes Klapp-Handy ständig. Es melden sich Journalisten - aber auch zwei deutsche Aktivisten, die sich in Brüssel eine Wohnung mit Haar teilen und nun den Schlüssel brauchen. Die temporäre WG sei "billiger, effizienter und lustiger als ein Hotel", sagt er. Auf der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung finanzierten Konferenz herrscht beste Stimmung; die TTIP-Gegner wirken selbst überrascht über ihren Erfolg und freuen sich auf den europaweiten Aktionstag am 11. Oktober.

Neben Globalisierungskritikern mit grauen Bärten sitzen Aktivisten, die sich um freies Internet und Bürgerrechte sorgen und auf Twitter und Facebook setzen. Als die Teilnehmer Arbeitsgruppen bilden und die Journalisten gehen müssen, sind es die unter 30-Jährigen, die einen Twitterstorm vorbereiten: Unter #kickoutttip wollen sie am Tag des sogenannten Stakeholder Meeting die Debatte in den sozialen Netzwerken prägen. Während jeder Verhandlungsrunde hören die Delegationen von EU und USA in einem Konferenzzentrum die Anliegen von Interessenvertretern an.

"Meine Stärke ist es nicht", sagt Kenneth Haar über Social Media. Das Treffen der Stakeholder, zu denen auch Gewerkschafter und Bürgerrechtler gehören, schwänzt er - die Fünf-Minuten-Vorträge hätten zu wenig Substanz. Für Nicholas Hodac ist die Veranstaltung dagegen ein Pflichttermin. Im Café um die Ecke des Tagungszentrums bestellt er Orangensaft, dann legt er los. "Wir müssen die Vorteile von TTIP stärker betonen und unsere Botschaft muss menschlicher werden", sagt der 33-Jährige. Er arbeitet in Brüssel für den IT-Konzern IBM und engagiert sich als Vizechef der "TTIP Task Force" von AmCham EU, der Vertretung amerikanischer Firmen in Europa (AmCham - American Chamber of Commerce - ist nicht deckungsgleich mit der US Chamber of Commerce; Anm. d. Red.). Was er sagt, ist also die Position vieler US-Unternehmen.

US-Firmen wollen Vertrauen der Europäer zurückgewinnen

Hodac weiß, dass er auch gegen das derzeitige politische Klima kämpft. "Die Enthüllungen über die NSA durch Edward Snowden haben das Image der USA beschädigt", sagt er. Das verlorene Vertrauen wieder aufzubauen, sei die "wichtigste Priorität" der amerikanischen business community in Europa. "AmCham fordert daher unsere Gesprächspartner in der US-Regierung ständig auf, die europäischen Bedenken ernst zu nehmen", sagt Hodac auch beim Treffen mit einer europäischen Journalistengruppe.

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Freihandelsabkommen TTIP

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Die TTIP-Befürworter versprechen Arbeitsplätze, Gegner fürchten die zerstörerische Kraft des Marktes. Beide werben mit großem Eifer, weil klar ist: Die Öffentlichkeit hat großen Einfluss auf das Freihandelsabkommen. Wenn da nicht die erste Regel des Fightclub wäre.

Ständig betonen die US-Lobbyisten, dass vor allem kleine und mittlere Unternehmen profitieren würden. Weitere Beispiele: Heutzutage müssten Autohersteller in Europa und Amerika verschiedenfarbige Blinker einbauen. Und Daimler schicke seine Lkw in Einzelteilen in die USA und baue sie dort zusammen, um niedrigere Zölle zu zahlen. Dass die TTIP-Freunde so gern über Autos reden, wundert nicht: Die sind anschaulicher und weniger problematisch als Chemikalien.