Energiekrise:Für Flüssiggas nach Kanada

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Energiekrise: Kanzler Olaf Scholz (li.) will Kanadas Premier Justin Trudeau mal persönlich Danke sagen für Unterstützung im Pipeline-Streit mit Russland. Zuletzt sahen sie sich hier beim G-7-Gipfel Ende Juni.

Kanzler Olaf Scholz (li.) will Kanadas Premier Justin Trudeau mal persönlich Danke sagen für Unterstützung im Pipeline-Streit mit Russland. Zuletzt sahen sie sich hier beim G-7-Gipfel Ende Juni.

(Foto: Getty)

Der Kanzler fliegt in dringender Mission über den Atlantik, sein Wirtschaftsminister reist mit. Doch schnelle Erfolgsmeldungen werden die beiden wohl kaum zurückbringen.

Von Daniel Brössler, Berlin

Es war eine Frage, auf die der Kanzler offenkundig schon gewartet hatte. Ob sein ungewöhnlicher Auftritt vor einer Gasturbine auch ein "Zeichen in Richtung Kanada" sei, wurde Olaf Scholz vor drei Wochen während seines Besuches bei Siemens Energy in Mülheim an der Ruhr gefragt. Der Kanzler bejahte eifrig: Er sei der kanadischen Regierung und Premierminister Justin Trudeau "ausgesprochen dankbar für die große Bereitschaft, Europa zu helfen und den Export dieser gewarteten Turbine zu ermöglichen".

Trudeau hatte die Auslieferung der für die Gaspipeline Nord Stream 1 in Kanada gewarteten Turbine gegen kanadische Sanktionsregeln auf Bitten von Scholz erlaubt. Dann blieb die Turbine in Deutschland stecken, Russland wollte sie gar nicht. Trudeau habe geholfen, den russischen "Bluff" zu entlarven, lobte Scholz. Seinen Dank dafür wolle er in Kürze auch noch einmal persönlich "gegenüber der dortigen Öffentlichkeit zum Ausdruck" bringen.

Die Gelegenheit dazu hat Scholz nun. Nach dem Tag der offenen Tür im Kanzleramt machte er sich am Sonntag auf den Weg zu einer in mehrfacher Hinsicht speziellen Reise nach Kanada. Scholz, der seine Auslandsbesuche normalerweise zumeist kurz hält, wird erst am Mittwoch zurück in Deutschland erwartet. Begleitet wird der Sozialdemokrat überdies nicht nur von einer Wirtschaftsdelegation, sondern - äußerst ungewöhnlich - vom Vizekanzler, Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen. Die Zusammensetzung der Reisegesellschaft beschreibt denn auch schon das Ziel.

In Kanada könnte ein Teil der Lösung für Deutschlands Energienöte liegen

Während Russland gerade wieder einen mehrtägigen vollständigen Stopp der Gaslieferungen durch die Gaspipeline Nord Stream 1 angekündigt hat, wollen Scholz und Habeck sich dort umtun, wo sie zumindest einen Teil der Lösung für die energiepolitischen Nöte Deutschlands vermuten. Besonders interessiert ist die Bundesregierung längerfristig an grünem Wasserstoff aus Kanada. Zur Unterschrift bereit liegt eine "Wasserstoff-Vereinbarung", mit der die Produktion und der Aufbau von Lieferwegen nach Europa vorangetrieben werden sollen.

"Das Land verfügt über ähnliche reiche Bodenschätze wie Russland - mit dem Unterschied, dass es eine verlässliche Demokratie ist", sagte Scholz am Sonntagabend nach der Ankunft in Montreal. Deshalb eröffneten sich neue Felder der Zusammenarbeit. Als Beispiele nannte er den Aufbau einer Wasserstoff-Wirtschaft. Scholz sagte, dass Kanada ein ganz besonderer Partner für Deutschland sei. "Mit kaum einem anderen Land außerhalb der EU sind wir so eng und freundschaftlich verbunden wie mit Kanada." Man teile gemeinsame Werte und einen ähnlichen Blick auf die Welt.

Interessiert sind Scholz und Habeck allerdings nicht nur an Wasserstoff, sondern auch an Flüssiggas (LNG), um ausfallende Lieferungen aus Russland zu ersetzen. Man habe "großes Interesse, auch im Bereich LNG mit Kanada eng zusammenzuarbeiten", heißt es aus dem Kanzleramt. Allerdings gehe es um Projekte, die "auf kanadischer Seite noch nicht reif sind". Vereinbarungen oder Absichtserklärungen werde es daher keine geben. Zu tun hat das unter anderem mit innenpolitischem Widerstand gegen das auch in Kanada umstrittene Fracking.

So trifft es sich, dass Kanzler und Vizekanzler ihre Reise in Québec beginnen, wo die LNG-Pläne von einer, wie es aus dem Kanzleramt heißt, "recht kritischen Provinzregierung" gebremst werden. Geplant ist dort ein Gespräch mit dem Premier der Provinz, François Legault. Kurzfristige Hilfe erwartet die Bundesregierung allerdings keine aus Kanada. Es sei klar, dass in den nächsten ein, zwei Jahren nichts geliefert werden könne, weil es noch keine LNG-Exportterminals an der kanadischen Ostküste gebe.

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