Dovilė Šakalienė will die litauische Armee reformieren. Bis zu sechs Prozent der Wirtschaftsleistung soll das Land mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern in den kommenden Jahren in die Verteidigung investieren: für mehr Ausrüstung und mehr Soldaten.
Die 46-jährige sozialdemokratische Verteidigungsministerin, die erst seit Dezember im Amt ist, hat ehrgeizige Pläne. Statt bis 2040, wie es die christlich-konservativ geführte Vorgängerregierung plante, will die neue Regierungskoalition unter Führung der Sozialdemokraten schon bis 2030 die Armee vergrößern und modernisieren. Die Ministerin plant, die Wehrpflicht auszubauen, sie sei die wichtigste Quelle, um neue Berufssoldaten zu gewinnen. Deren Zahl soll von 13 500 auf 15 500 steigen.
Die Zahl der Wehrpflichtigen soll sich bis nächstes Jahr verdoppeln
Bereits jetzt müssen alle volljährigen jungen Männer zur Musterung, etwa 3000 von ihnen werden jährlich für einen neunmonatigen Wehrdienst eingezogen. Noch fehlen Ausbilder und Truppenübungsplätze, um mehr Wehrpflichtige zu schulen. Doch schon in diesem Jahr sollen 4500 verpflichtet werden, vom nächsten Jahr an dauerhaft 6000 – und das bei kleiner werdenden Jahrgängen. Das Ministerium macht nun Umfragen unter jungen Leuten, um zu erfahren, was die Armee als Arbeitsplatz attraktiver machen könnte. Neue Sozialleistungen sollen zudem Berufssoldaten dazu bewegen, ihre Verträge zu verlängern.
Litauen hat wie alle baltischen Länder nach dem Zerfall der Sowjetunion und der wiedererlangten Unabhängigkeit viel Bevölkerung verloren – fast eine Million Menschen wanderten aus. Zwar ist seit einigen Jahren ein Rückkehrtrend zu verzeichnen, doch die Geburtenrate hat einen Tiefstand von statistisch 1,3 Kindern pro Frau erreicht.
Die Armee genießt in Litauen hohes Ansehen. Vielleicht nicht so viel wie die Feuerwehr, aber wohl mehr als die katholische Kirche, wie kürzlich ein Militärseelsorger der litauischen Armee der Süddeutschen Zeitung sagte. Die Armee steht für die Bewahrung der Unabhängigkeit des Landes und sieht sich in der Tradition jener Partisanen, die 1944 in die Wälder zogen und von dort aus ihren Kampf gegen die Sowjetarmee und deren Kollaborateure führten.
Die Großmutter der Ministerin wurde nach Sibirien verschleppt
Auch Šakalienės Großmutter und deren Schwester waren bei den Partisanen, erzählt die Ministerin der SZ bei einer Begegnung in der Stadt Marijampolė unweit der polnischen Grenze. Beide zahlten dafür einen hohen Preis, erfuhren Gewalt durch die Rote Armee. Die Großmutter wurde nach Sibirien deportiert, brachte im Lager Šakalienės Mutter zur Welt. Viele Balten kennen ähnliche Schicksale aus ihren Familien, auch die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas, die aus Estland kommt, erzählt davon.
Jetzt will Šakalienė die Botschaft senden: „Wir sind besser vorbereitet denn je.“ Litauen habe seine Lektion aus der Besatzung durch die Sowjetarmee im Krieg und danach gelernt. Das Land arbeite nach dem Prinzip „Total Defence“, erklärt die Ministerin. Das bedeute, dass „jeder Bürger sich engagieren und die nötige Ausbildung bekommen kann“. Zum Beispiel bei der sogenannten Freiwilligen Verteidigungsarmee, die mit etwa 15 000 Reservisten einen Pfeiler der Streitkräfte bildet.
Unterstützt wird das Nato-Mitglied Litauen jetzt auch durch deutsche Soldaten. An diesem Donnerstag ist in Vilnius eine Panzerbrigade der Bundeswehr in Dienst gestellt worden, zum Schutz der Nato-Ostflanke. Zu der Zeremonie reisen Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) in Litauens Hauptstadt.
Beim Aufbau einer Verteidigungsindustrie sucht sich das Land weltweit Partner. Die baltischen Länder träumen von einem Iron Dome, wie er über Israel zum Schutz vor Raketen besteht. Daher ist Israel ein Geschäftspartner erster Wahl, neben den USA, Deutschland und Skandinavien. Mit Aufmerksamkeit verfolgt Litauen die Innovationen im ehemaligen sowjetischen Bruderstaat Ukraine. Dort würden in Kriegszeiten in kürzester Zeit etwa neue Kampfdrohnen entwickelt – das will Litauen auch, bevor es überfallen wird.
Der Bann von Landminen und Streumunition wurde aufgehoben
Dass diese Möglichkeit als überaus real angesehen wird, zeigt der Ausstieg aus den Abkommen zum Verbot von Landminen und Streumunition. Beschlossen worden war das unter der vorigen Regierung. Die neue bringt es zu Ende. „Landminen würden die Überlebensfähigkeit, Motivation und Selbstsicherheit der litauischen Truppen und ihrer Partner erhöhen“, erklärt die Ministerin schriftlich. Auch Streubomben seien ein „sehr effizientes“ Mittel.
Weltweit werden vor allem Zivilisten, oft Kinder, Opfer dieser Minenarten. Das ist auch in der Ukraine so, wo etwa Landwirte fürchten müssen, mit ihrem Traktor über eine russische Mine zu fahren. Doch die baltischen Staaten und Polen, die alle aus den internationalen Verbotsabkommen austreten, beteuern, dass sie Sorge tragen würden, die Minen auch wieder zu entfernen.
Litauen, Lettland und Estland arbeiten an einer gemeinsamen „baltischen Verteidigungslinie“ zum Schutz ihrer Grenzen zu Russland und Belarus. Diese soll mit dem polnischen „Ost-Schild“, der an der Grenze zur russischen Oblast Kaliningrad und Belarus entsteht, zusammengeführt werden.
Šakalienė hat Psychologie studiert und sich auf Rechtspsychologie spezialisiert. In ihrer Zeit als Abgeordnete war sie maßgeblich für ein Gesetz zum Schutz vor Kindern vor Gewalt zuständig, gründete eine Kommission zur Suizid- und Gewaltprävention. In ihrem neuen Amt werde sie ständig gefragt, wie gut sich Litauen wehren könnte, wenn jetzt die Russen angriffen, sagt sie in Marijampolė. Darauf eine Antwort zu finden, die nicht verunsichert, aber auch nicht in falscher Sicherheit wiegt, ist ihr tägliches Geschäft. Ihr psychologisches Wissen ist wohl auch hier gefragt.

