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Linkspartei:Auf der Suche nach dem Gauck-Gegenspieler

Eine ganz große Koalition hat in Joachim Gauck ihren Wunschkandidaten gefunden - nur die Linke war nicht dabei. Nun denkt sie darüber nach, einen eigenen Kandidaten in die Bundespräsidentenwahl zu schicken. Bei den letzten beiden Wahlen hat sie das getan - ohne Erfolg.

Für eine relativ kleine Partei nimmt die Linke relativ oft für sich in Anspruch, sie spreche für die Mehrheit. Sie tut das, wenn im Bundestag über den Afghanistan-Einsatz abgestimmt wird, oder auch, wenn es um die Rente mit 67 geht. Jetzt, da die Wahl des Bundespräsidenten ansteht, fällt ihr das schwerer. Eine ganz große Koalition unter Ausschluss der Linken hat Joachim Gauck nominiert, einen Kandidaten, den Umfragen zufolge eine deutliche Mehrheit der Bundesbürger im Schloss Bellevue zu sehen wünscht.

Pressekonferenz der Linken-Bundesvorsitzenden

Linke-Führungs-Duo Gesine Lötzsch und Klaus Ernst: Die Partei überlegt, ob sie einen eigenen Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten aufstellt.

(Foto: dapd)

Die Parteivorsitzende Gesine Lötzsch hat am Montag klargemacht, wie ihre Partei mit dem "Präsidenten der Herzen" umzugehen gedenkt. "Das wäre ein Präsident der kalten Herzen und ist jetzt ein Kandidat der kalten Herzen", sagte sie. Als einzige Bundestagspartei außerhalb der Gauck-Koalition will die Linke sich mit ihren 125 Wahlleuten profilieren als Stimme jener mutmaßlich nicht kleinen Minderheit im Lande, die den einstigen Chef der Stasi-Unterlagenbehörde ablehnt.

Schon 2010 war Gauck - als Kandidat von Rot-Grün - für die Linke nicht in Frage gekommen. Das hat damals zumindest jenen Teil ihrer Anhänger irritiert, die in einer Gauck-Wahl eine wünschenswerte Annäherung an SPD und Grüne gesehen hätten. Die Konstellation ist nun eine völlig andere.

Ohnehin isoliert, können die Linken sich unbekümmert an dem Mann reiben, der jüngst die Occupy-Bewegung gegen die Macht der Banken "unsäglich albern" genannt hat. Als "Vertreter des Finanzmarktkapitalismus" brandmarkte denn auch Lötzschs Ko-Vorsitzender Klaus Ernst den Kandidaten. Gauck stelle sich "auf die Seite der Herrschenden", und das Land werde "noch viel Freude mit ihm haben", merkte Ernst sarkastisch an. Es fehle Gauck ein Draht zu den "Bürgerrechtsbewegungen dieser Zeit". Als gestrig also stellt die Linke den einstigen Bürgerrechtler in der DDR hin und belegt ihn so mit eben jenem Vorwurf, der ihr selbst so oft gemacht wird.

"Ohne Hektik und in aller Seriosität"

In Schaltkonferenzen erörterte die Parteiführung am Montag die Frage, ob sich die Kritik an Gauck auch mit einem Gesicht verbinden ließe - ob die Linke also mit einer eigenen Kandidatin oder einem eigenen Kandidaten in die Bundespräsidentenwahl gehen sollte. Bei den letzten beiden Wahlen hatte sie das getan, 2009 mit dem Schauspieler Peter Sodann und 2010 mit der Abgeordneten Luc Jochimsen. Beiden Kandidaten war es nicht gelungen, über die eigenen Leute hinaus nennenswert Stimmen zu gewinnen. Mit unglücklichen Auftritten hatte zumindest Sodann der Partei überdies mehr geschadet als genutzt. Ernst und andere warnten denn auch davor, überstürzt einen eigenen Kandidaten ins Rennen zu schicken.

Interessant, bekannte Lötzsch vor der Presse, sei nur eine Kandidatur, die über das eigene Spektrum hinausreiche. Das wolle man nun "ohne Hektik und in aller Seriosität" diskutieren. Was die Linken suchen, wird im wirklichen Leben kaum zu finden sein: ein Gauck-Gegenspieler, der über Parteigrenzen hinweg Ansehen genießt, öffentlich einen Aha-Effekt auslösen kann, am besten selbst kein Linker ist und doch für selbige in die Schlacht zieht. An diesem Donnerstag kommen dazu der Parteivorstand mit den Partei- und Fraktionschefs aus den Ländern sowie der Führung der Bundestagsfraktion zusammen. Ein Minimalziel hat Vizefraktionschef Dietmar Bartsch ausgegeben: "Wir sollten nicht so chaotisch reagieren wie die schwarz-gelbe Bundesregierung."