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Zeitgeschichte:Eine missglückte Analyse des Linksextremismus

Ausschreitungen bei Straßenfest in Hamburg

Ausschreitungen im Hamburger Schanzenviertel nach einem links-alternativen Straßenfest im Jahre 2009.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)
  • Klaus Schroeder und Monika Deutz-Schroeder haben einen Versuch gestartet, linke Gewalt zu verstehen und zu deuten.
  • Das Fazit der beiden Forscher: Der Kampf ist nicht zu Ende.
  • Allerdings ist ihre Analyse komplett missglückt.

Unbedingt zu loben ist der Versuch, einmal über etwas ganz anderes zu reden: Zwar kommt es jeden Tag zu Übergriffen gegen Ausländer, zwar ist auch in einem fünfjährigen Verfahren nie geklärt worden, ob das rechte Netzwerk des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) nicht doch sehr viel weiter und bis in Staatsschutzbehörden reichte, aber auf Dauer wird das echt langweilig.

Warum nicht zur Abwechslung mal über "Geschichte und Aktualität linker Gewalt" schreiben, eine "nüchterne Bilanz" dieser Form von Gewalt "in der Bundesrepublik" ziehen?

Eine solche Bilanz fiele tatsächlich recht ernüchternd aus, und fast mit Bedauern müssen die Autoren Klaus Schroeder und Monika Deutz-Schroeder feststellen, dass hierzulande "derzeit keine Renaissance des Linksterrorismus erkennbar" sei.

Ein weitherzig ausgelegter Gewaltbegriff

Das hindert sie aber nicht, das ganz große Historische Welttheater zu inszenieren: Da "betritt" dann mit Babeuf "der Kommunismus erstmals den Boden der politischen Geschichte". Wo mag er sich vorher herumgetrieben haben? In der Luft? Auf hoher See? Karl Marx ist der bewährte urböse Bube, und ohne "1968" geht es auch nicht.

Die Oktoberrevolution und der Mord an der Zarenfamilie haben zwar eher weniger mit der Bundesrepublik zu tun, werden aber ebenso als Vorgeschichte der Gewalt herbeizitiert wie die Partei- und Stasi-Herrschaft der DDR.

Viel ist die Rede von kommunistischen Gewalttaten in der Weimarer Republik, und der Einfachheit halber wird der Rotfrontkämpferbund als "Schwarzer Block" nahtlos an die Hamburger Krawalle beim G-20-Gipfel angeschlossen.

Die Fememorde von rechts kommen naturgemäß nicht vor, auch der Hitlerputsch würde das schöne linke Bild etwas stören. Der Gewaltbegriff wird so weitherzig ausgelegt, dass der Leser sich doch wundert, warum nicht auch der kommunistische Attentäter Georg Elser auftaucht. Stauffenberg war wenigstens nicht links.

Ausgangspunkt für diese kurzatmige Revue sind die Demonstrationen in Hamburg vor knapp zwei Jahren. Schaulustige, fotogeile Mitläufer, der internationale Demonstrationstourismus, das grandiose Versagen der Polizei - und auch der politischen Führung - all das spielt keine Rolle, weil sich der Widerschein des Feuers vom Karolinenviertel einfach zu gut für eine Gewaltstrecke eignet, die in der Französischen Revolution begonnen hat und als spezifisch linke Gewalt unweigerlich ins Karoviertel führen muss.

Eine Erklärung für diesen kühnen Gewaltmarsch durch Raum und Zeit liefert eine Bemerkung in der Einleitung. Dort verweist das Autorenpaar auf "unsere eigene Jahrzehnte zurückliegende politische Vergangenheit in unterschiedlichen linken Milieus".

Ach so, Renegatenliteratur. Dann noch gute Besserung.

Klaus Schroeder, Monika Deutz-Schroeder: Der Kampf ist nicht zu Ende. Geschichte und Aktualität linker Gewalt. Herder, Freiburg 2019. 304 Seiten, 26 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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