Linke:Vier Kandidaten und viel Missgunst

Lesezeit: 3 min

Linker Wahlkampf mit vieren: Janine Wissler, Sören Pellmann, Heidi Reichinnek und Martin Schirdewan  (v. o. li. im Uhrzeigersinn).

Linker Wahlkampf mit vieren: Janine Wissler, Sören Pellmann, Heidi Reichinnek und Martin Schirdewan (v. o. li. im Uhrzeigersinn).

(Foto: Imago)

Zwei Frauen und zwei Männer bewerben sich um den Vorsitz der Linken. Alle vier wurden bereits öffentlich brüskiert - aus den eigenen Reihen. Warum die Partei es offenbar nicht lassen kann, mit sich selbst zu streiten.

Von Boris Herrmann, Berlin

So viel Einigkeit war selten bei der Linkspartei. Ganz egal, mit wem man spricht, alle sind der Ansicht, dass vom Bundesparteitag im Juni eine Trendwende ausgehen muss. An diesem Punkt endet die Einigkeit allerdings auch schon wieder. In der Frage, wie solch eine Trendwende aussehen könnte oder wer sie verkörpern sollte, herrscht, gelinde gesagt, noch Klärungsbedarf.

Der Parteitag der Hoffnung findet vom 24. bis 26. Juni in Erfurt statt. Theoretisch können sich Interessenten für den Parteivorsitz bis zum letzten Moment melden. Eingedenk dessen, wie die Linke mit ihren Vorsitzenden umzugehen pflegt, ist es erstaunlich, dass überhaupt schon vier Kandidaturen vorliegen.

Bis zum informellen Fristende zu Beginn dieser Woche, das für alle galt, die noch mit Namen und Foto ins gedruckte Antragsheft für den Parteitag aufgenommen werden wollten, haben sich zwei Frauen und zwei Männer für die zwei zu vergebenden Chefposten beworben: Parteichefin Janine Wissler, die Bundestagsabgeordneten Heidi Reichinnek und Sören Pellmann sowie der Europaparlamentarier Martin Schirdewan. Aber noch ehe der interne Wahlkampf richtig losgegangen wäre, hat es die Linke bereits geschafft, alle vier aus den eigenen Reihen heraus öffentlich zu brüskieren.

"Symptomatisch für das Kernproblem, das wir haben", nennt das eine Führungskraft der Partei. Die Linke würde so gerne aufhören, mit sich selbst zu streiten. Aber sie kriegt es einfach nicht hin. Wer nach Gründen sucht, weshalb die Partei am Abgrund steht, muss nur nachsehen, was Linke über Linke in sozialen Netzwerken schreiben.

Janine Wissler, 41, bewirbt sich in der schwersten Krise ihrer politischen Karriere um die Wiederwahl. Seit sie im Februar 2021 ihr Amt als Parteichefin antrat, hat die Linke nur Wahlen verloren. Hinzukommen mutmaßliche Sexismusvorfälle in Wisslers hessischem Landesverband. Der Vorwurf, sie habe die Aufarbeitung verschleppt, wurde federführend von der Linksjugend erhoben. Wisslers ehemalige Co-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow erweckte bei ihrem Rücktritt im April den Eindruck, sie schließe sich dieser Kritik an.

Reichinnek fordert Parteichefin Wissler heraus

Heidi Reichinnek, 34, die frauenpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, tritt nun explizit als Gegenkandidatin zu Wissler für den Parteivorsitz an. Beide Frauen begreifen sich als Feministinnen. Reichinnek greift Wissler an dieser Stelle aber ziemlich frontal an, wenn sie sagt: "Das Eintreten für Feminismus heißt auch, unsere eigenen Probleme in den Griff zu bekommen." Die theoretisch denkbare Wiederauflage einer weiblichen Doppelspitze hält Reichinnek für "wenig sinnvoll". Aus ihrer Sicht sollte es möglichst zwei neue Gesichter geben. Also eine Parteispitze ohne Wissler.

In deren Unterstützerkreisen formiert sich aber bereits der Gegenangriff. Janine Wissler gilt als die Kandidatin der sogenannten Bewegungslinken, einer Strömung, die vor allem auf die Verankerung der Partei in sozialen Bewegungen setzt und sich in der Bundestagsfraktion seit Jahren unterdrückt fühlt. Demnach hat Fraktionschef Dietmar Bartsch vom ostdeutschen Reformer-Flügel mit seiner Co-Vorsitzenden Amira Mohamed Ali sowie deren Vorgängerin Sahra Wagenknecht ein strategisches Machtbündnis geschmiedet, in dem politische Inhalte kaum eine Rolle spielen. Für dieses Bündnis hat sich in der Partei der Begriff vom "Hufeisen" etabliert.

Wissler selbst äußert sich, wenn überhaupt, sehr zurückhaltend zu ihrer Gegenkandidatin. Aber unter Bewegungslinken wird nun die Erzählung verbreitet, Reichinnek sei die Kandidatin der Fraktionsspitze, also des Hufeisens, und mithin der Zementierung der Verhältnisse.

Heidi Reichinnek streitet das ab: "Dass meine Kandidatur seit der Ankündigung vor allem über diese Frage diskutiert wird, ist Teil des Problems, das die Partei Die Linke hat", sagt Reichinnek. Sie kandidiere aus eigenem Entschluss.

Schirdewan kann sich eine Zusammenarbeit mit Wissler vorstellen

Offiziell wurden vier Einzelbewerbungen für den Parteivorsitz eingereicht. Und doch zeichnet sich hinter den Kulissen eine informelle Teambildung ab. Schirdewan hat erklärt, er könne sich eine Zusammenarbeit mit Wissler gut vorstellen, was offenbar auf Gegenseitigkeit beruht.

Pellmann wiederum steht unter akutem Hufeisen-Verdacht, spätestens seit Wagenknecht eine Wahlempfehlung für ihn aussprach. Zu seinem Zehn-Punkte-Programm, mit dem er die Partei retten will, gehört auch die "Integration aller Promis". Damit ist nicht zuletzt Sahra Wagenknecht gemeint, die sich seit Jahren in einer Art innerparteilicher Oppositionsrolle befindet. Pellmann hat aber auch erkannt, dass diese prominente Unterstützerin für ihn "Fluch und Segen" sein kann. Für seine Unterschrift auf einem Papier des Wagenknecht-Lagers, in dem der Nato die Mitschuld am Kriegsausbruch in der Ukraine gegeben wurde, leistet er inzwischen öffentlich Abbitte.

Pellmann hat der Partei den Wiedereinzug in den Bundestag gerettet

Der heute 45-Jährige hat im September ein Direktmandat in Leipzig gewonnen und damit der Linken den Wiedereinzug in den Bundestag gerettet. Er sieht sich als volksnaher Siegertyp. Zu seinem Gegenkandidaten Schirdewan, dem Co-Fraktionsvorsitzenden im Europäischen Parlament, fällt ihm ein: "Europa ist weit weg."

Schirdewan, 46, drückt sich von allen Kandidaten am diplomatischsten aus. Das wiederum veranlasst einen Bundestagsabgeordneten der Linken zu der Bemerkung, Schirdewan habe zu nichts eine Meinung, damit komme man in der Partei immer relativ weit. Im Übrigen habe die gegenwärtige Niederlagenserie der Linken bei der Europawahl 2019 begonnen. Wie habe noch mal der Spitzenkandidat geheißen? Richtig, Martin Schirdewan.

Die Begeisterung in der Partei für dieses Kandidatenquartett ist offenbar noch steigerungsfähig.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusDie Linke
:Eine Partei zerfleischt sich selbst

Desaströse Wahlergebnisse, Sexismus-Vorwürfe aus den eigenen Reihen: Die Linkspartei steht am Abgrund. Und retten soll sie ausgerechnet Janine Wissler, die sich doch vor allem als Betrogene sieht.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB