Linke-Parteitag in Göttingen Ernst fordert Solidarität - und spaltet selbst

Stunden vor dem Showdown hatte Noch-Parteichef Klaus Ernst die Chance, die Wogen in der Linkspartei zu glätten. Das wäre klug gewesen - doch Ernst wollte es offenbar anders. Mit seinen scharfen Worte verhärtet er vor der Wahl am Abend die Fronten in der Partei.

Von Frederik Obermaier, Göttingen

Der Chef ist wütend, und das will er auch zeigen: Ja, die Linke habe Probleme, ja, die Linke habe Fehler gemacht und ja, die Partei stecke in der Krise, ruft, nein, schreit der Noch-Linken-Vorsitzende Klaus Ernst den knapp 600 Delegierten in der Göttinger Lokhalle entgegen. "Wir haben das Vertrauen selbst verspielt und das muss aufhören."

Noch-Parteichef Klaus Ernst:  "Auch die Führung hat Fehler gemacht, ja, auch ich habe Fehler gemacht."

(Foto: REUTERS)

Die Botschaft ist klar: An diesem Wochenende geht es um alles, Hop oder Top. Einheit der Partei, wenn auch mit Zähneknirschen, oder: Zerfall. Seit Wochen stehen sich die Parteiflügel unversöhnlich gegenüber: auf der einen Seite die Bartschisten, sie wollen den bisherigen Bundestagsfraktionsvize Dietmar Bartsch an der Spitze sehen. Auf der anderen Seite die Lafontainisten, die dies auf jeden Fall verhindern wollen. Und Parteichef Klaus Ernst? Der ist mittendrin.

Dass er in seiner Rede die Wogen glätte, Gräben zuschütte, darauf hatten viele Delegierte gehofft und am Anfang sah es auch danach aus. "Wir haben Fehler gemacht", war Ernsts Botschaft, vor allem aber: "Auch die Führung hat Fehler gemacht, ja, auch ich habe Fehler gemacht."

Nach wenigen Minuten ist die Selbstkritik jedoch auch schon vorbei, jetzt geht es vor allem um die Fehler anderer: Um die, die Streit geschürt haben zwischen Ost und West, zwischen den früheren WASG-Anhängern und den ehemaligen PDS-Mitgliedern, denen also, die seit fünf Jahren, seit dem Zusammenschluss, eigentlich eine Partei sein sollten. Die Zukunft der Partei aber liegt laut Ernst nicht im Westen, auch nicht im Osten, " die Zukunft unserer Partei liegt im Zusammenbleiben".

"Hat uns der Rückzug von Oskar stärker gemacht?" - Schweigen.

Den Osten repräsentiert in der Linken Bundestagsfraktionsvize Dietmar Bartsch, den Westen wie kein anderer Oskar Lafontaine. Ausgerechnet der wollte aber für den Parteivorsitz nur kandidieren, wenn Bartsch nicht kandidiert. Bartsch tritt am Ende an, Lafontaine nicht - und schuld daran sind die Sturköpfe aus dem Osten, daran lässt Ernst in seiner Rede keinen Zweifel.

Bartsch, der Lafontaine-Feind, ist für Ernst also der Spalter. Er sieht in ihm den Reformer, den Kompromissler, den SPD-Freund - und was Ernst davon hält, macht der Noch-Parteichef in seiner Rede auch klar: "Über Bündnisse und Kompromisse entscheidet man nach der Wahl und nicht vor der Wahl." Das ist er wieder, der Beton-Ernst, der aus Bartschs Sicht die Partei ins Abseits führt.

Ernst kritisiert viel, nennt wenige Namen, wendet sich dann aber doch direkt an die Delegierten: "Ist hier irgendjemand der Auffassung, dass uns der Rückzug von Oskar noch stärker macht?" Schweigen. Nur ein einsames "Ja" schallt durch den Saal.

Für die Wahl der neuen Linken-Doppelspitze fordert er von den Delegierten eine "weise Entscheidung". Wie sie aussehen soll, lässt Ernst offen - auch, was seine Lieblingskonstellation ist. Dabei hatte Ernst vor dem Parteitag noch für eine weibliche Doppelspitze geworben, auch Lafontaine-Freundin Sahra Wagenknecht hatte er ins Spiel gebracht, selbst eine eigene Kandidatur nicht ausgeschlossen. Dazu sagt Ernst in seiner Rede auf dem Göttinger Parteitag nichts mehr. Er fordert lediglich Solidarität und Frieden: "Wenn Teile der Partei mit der neuen Führung so umgehen wie mit der alten, haben wir wieder ein Problem." Viele ostdeutsche Delegierte sahen das wohl als Kritik. Beim Applaus für Klaus Ernst bleiben sie jedenfalls sitzen. Wut statt Versöhnung ist das mögliche Vermächtnis von Klaus Ernst.