Konkurrenz durch AfD:Linke will um "Köpfe" kämpfen - doch wie?

Wie das gehen soll, weiß keiner genau. "Wir müssen radikaler in der Analyse werden, aber keinesfalls in der Phrase", sagt Fraktionsvize Jan Korte, der sich sein Büro mit einer Büste von Karl Marx teilt und wirkt, als wolle er seinen Leuten Muntermacher verordnen.

In Umfragen halte die Linke sich stabil, auch der Führungswechsel im Bundestag habe sich friedlich vollzogen. "Wir haben in der Fraktion eine wirklich neue Debattenkultur", sagt Korte. "Es gibt harte Diskussionen, aber wir führen sie nicht mehr halb-öffentlich."

Wer den Fraktionsvize fragt, wie er eigentlich Sahra Wagenknechts Wortmeldungen zur Asylpolitik findet, sieht einen vorsichtigen Blick. Auf der Höhe der Flüchtlingskrise hatte Wagenknecht - anders als Korte - die Grenzen der Belastbarkeit betont und davor gewarnt, dass Arme aus Deutschland draufzahlen müssen wegen der vielen Flüchtlinge, wenn der Staat nicht mehr investiere. Klingt ähnlich wie bei der AfD, kritisierten Parteifreunde.

Da sein, wo das Leben spielt

Ärger gab es auch, als Ex-Parteichef Oskar Lafontaine Flüchtlingsobergrenzen forderte. "Wir haben da eine unterschiedliche Tonlage", sagt Korte. Aber Streit? "In der Flüchtlingsfrage gibt es kein Wackeln." Viele Flüchtlingshelfer kämen aus der Linken, ihre Wahlkreisbüros würden immer wieder von Rechten angegriffen. Als einzige Partei im Bundestag habe Die Linke auch gegen alle Asylrechtsverschärfungen gestimmt, also "Haken dran".

Ganz so einfach aber ist es nicht. An der Basis soll jetzt mit Blick auf die Bundestagswahl die Operation Rückholung beginnen. "Natürlich will ich einen Teil der Wähler zurück", sagt Korte und meint die Wählerwanderung nach rechts. 33,4 Prozent für die AfD in Bitterfeld "da muss man sich fragen, was auch wir falsch gemacht haben".

Die Linke müsse sich wieder mehr kümmern um die kleinen Träume, wie Korte das nennt, auch um das Offenhalten der letzten Schule im Dorf, den ausgedünnten Busverkehr auf dem Land, ums Kommunale eben. "Als linke Volkspartei müssen wir wieder an alte Stärken anknüpfen: Zuhören, und unsere Überzeugungen dahin tragen, wo das Leben spielt, ob im Verein, auf dem Markt oder am Stammtisch."

Wie viel Annäherung an den Stammtisch möglich ist, ohne linke Ideale zu verraten, muss der Feldversuch zeigen und dürfte noch Debatten auslösen. Denn während die linke Basis in Großstädten jünger wird und offen ist für solidarische Flüchtlingspolitik, hadern viele ältere ostdeutsche Stammwähler damit, dass das linke Parteiprogramm "offene Grenzen für alle" fordert. "Da hört man nicht nur nette Sachen", sagt Fraktionschef Dietmar Bartsch über die Reise an die Basis. Und dass sie nicht länger aufgeschoben werden kann.

© SZ vom 03.05.2016/gal
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