Süddeutsche Zeitung

Martin Schirdewan:Er soll die Linke retten - und zwar schleunigst

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Als Fraktionschef im Europaparlament ist es der neue Bundesvorsitzende Schirdewan gewöhnt, eine aufgesplitterte bis zerstrittene Truppe anzuführen. Er will sich nun auf den Markenkern der Partei konzentrieren - symbolisiert durch eine Käsestulle.

Von Boris Herrmann, Berlin

Ein paar Tage bevor Martin Schirdewan zum Parteivorsitzenden der Linken gewählt wurde, stand er am Infostand in der Erfurter Fußgängerzone. Er hatte rote Bleistifte und Flugblätter dabei, auf denen es nicht unbedingt um die ganz großen Themen der Weltpolitik ging ("Mit uns Zoo noch besser machen"). Es nieselte an diesem Tag in Erfurt und das Interesse am Vorstoß der Linken zur Reduzierung der Zoo-Eintrittspreise war einigermaßen überschaubar. Irgendwann gelang es Schirdewan aber doch, zwei Passantinnen mit Regenschirm auszubremsen. Im Lauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass es zwei Parteigenossinnen von der Basis waren. Ganz vorsichtig fragte eine der beiden Damen, nachdem sie ihren neuen Bleistift im Rucksack verstaut hatte: "Sagen Sie mal, sind Sie nicht der Herr Schirdewan?"

Inzwischen wächst auch jenseits der Linkspartei das Interesse an diesem Mann. Am Samstagabend wurde er als frisch gewählter Parteichef in den "Tagesthemen" interviewt, am Montagmorgen im Deutschlandfunk. Andererseits ist Martin Schirdewan immer noch unbekannt genug, um das Leben in vollen Zügen genießen zu können. Vom Erfurter Parteitag reiste er stehend im ICE zurück nach Berlin.

Dass sich sein Hauptwohnsitz bereits in Berlin befindet, ist sicherlich kein Nachteil für einen, von dem jetzt erwartet wird, dass er schleunigst die Linke rettet und das Karl-Liebknecht-Haus auf Vordermann bringt. Die Arbeitsabläufe in der Parteizentrale gelten als hochgradig reformbedürftig. Unter den rund 80 Mitarbeitern kursiert der schöne Witz: "Wie viele Leute arbeiten eigentlich im Liebknecht-Haus? - Ungefähr ein Drittel."

Schirdewan wuchs in Ostberlin auf, aber er ist ein politischer Thüringer

An Schirdewans Fleiß kann es keine Zweifel geben. Als Mitglied des Europaparlaments betreibt er je ein Wahlkreisbüro in Jena und Hannover, in Brüssel leitet er seit 2019 zusammen mit der Französin Manon Aubry die europäische Linksfraktion. 39 Abgeordnete aus 13 Ländern stehen dort unter seinem Kommando. Zufällig hat die Bundestagsfraktion der Linken ebenfalls 39 Abgeordnete, die sich manchmal aufführen, als stammten sie aus 13 verschiedenen Welten. Obschon sich Schirdewan und Fraktionschef Dietmar Bartsch lange kennen und persönlich gut verstehen, ist es kein Geheimnis, dass die Beziehungen zwischen Fraktion und Partei ausbaufähig sind.

Martin Schirdewan, 46, wuchs in Ostberlin auf, aber er ist ein politischer Thüringer. Hinter seinem Aufstieg zum Parteichef steht vor allem sein Landesverband in Erfurt, er wird dem - für linke Verhältnisse - radikal-pragmatischen Kraftzentrum um Ministerpräsident Bodo Ramelow zugerechnet. Wobei solche Etiketten in dieser Partei naturgemäß unterkomplex sind. Eine Grafik mit allen Lagern und Strömungen, die sich teilweise untereinander aufgesplittet und über ideologische Grenzen hinweg kreuzweise wieder verbunden haben, hätte gute Chancen beim Wettbewerb der kompliziertesten Schaubilder der Welt. Um die berüchtigte Vielstimmigkeit der Linken einzudämmen, setzt Schirdewan auf seine europäische Kompetenz, "eine bunte Ansammlung von Linken zu lenken und zu führen".

"Wir kennen uns, wir mögen uns", sagt die Co-Vorsitzende Wissler

Er hat da auch theoretische Erfahrungen. Als Politologe promovierte er 2007 zum Thema "Transnationale Interaktion linker Parteien in Europa". In seinen Studienjahren arbeitete er für die Zeitschrift Utopie kreativ der Rosa-Luxemburg-Stiftung und für das Jugendmagazin des Neuen Deutschland. Sein Mandat in Brüssel will er auch als Parteivorsitzender behalten. Er sieht das als "Riesenbonus" für die Europawahl 2024, auf die sich nun die Hoffnungen der krisengeplagten Linkspartei für eine Trendwende konzentrieren.

Schon seit zehn Jahren sitzt Schirdewan zusammen mit seiner Co-Vorsitzenden Janine Wissler, 41, im Parteivorstand. "Wir kennen uns, wir mögen uns", sagt Wissler. Seit der Wahlnacht von Erfurt dürften sie sich noch besser kennen. Auf der Tanzfläche in der Messehalle widmeten sich die beiden bis in die Morgenstunden der alten Parole ihrer Vorgängerin Katja Kipping: "Wenn ich nicht tanzen kann, ist das nicht meine Revolution."

Eine revolutionäre Politik ist von Schirdewan nicht zu erwarten, eher schon eine Rückbesinnung auf den Markenkern seiner Partei. Er spricht von einer 40-prozentigen Butterinflation und von Schrippenpreisen, die durch die Decke gehen. "Viele Familien sind nicht mehr sicher, ob sie ihre Kinder mit einer Käsestulle in die Schule schicken können", sagt Schirdewan. Er hat sich fest vorgenommen, die großen Themen (kriegsbedingte Weizenkrise, Nahrungsmittelspekulation an den Börsen) auf die konkreten Alltagssorgen der Menschen (Käsebrot) herunterzubrechen. Auch von den Erfurter Zoopreisen wird noch zu hören sein.

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