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Linke:Kapital verfehlt

Christian BaronProleten, Pöbel, Parasiten

Christian Baron: Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten. Verlag Das Neue Berlin, Berlin 2016. 288 Seiten, 12,99 Euro.

Bei Christian Baron wären eigentlich alle Voraussetzungen erfüllt für eine Analyse der Schwächen linken Denkens und linker Politik. Doch der Autor scheitert. Die Art von Populismus, die durch das Buch weht, wird weder den Arbeitern noch der Linken helfen.

Der Journalist Christian Baron hat ein Buch über die Schwächen linken Denkens und linker Politik in Deutschland geschrieben und dass er dabei unter 300 Seiten geblieben ist, darf als erste gelungene Pointe des Autors gelten. Dass dieser in Summe dennoch seine eigenen Ansprüche verfehlt, ist vor allem deswegen ärgerlich, weil die Voraussetzungen für das Gelingen in den beiden wesentlichen Kategorien vollumfänglich erfüllt sind.

Da sind, erstens, Idee und Zuschnitt des Themas. Das Buch hätte den Fragen der Zeit ein Dach sein können: Wird die Begünstigung des Kapitals im Vergleich zu den Menschen so weit wachsen, dass letztere sich vielleicht doch einmal in nennenswerter Zahl und gut organisiert gegen die Verhältnisse richten? Warum verzinsen sich die Ängste der Gegenwart bislang fast ausschließlich auf den Konten jener, die rechtspopulistisch, irre oder beides sind? Gibt es noch so etwas wie eine Linke, gibt es noch so etwas wie eine Arbeiterklasse und falls Doppel-Ja, warum kämpft die eine dann nicht sichtbar und energisch für die andere?

Ein linker Populismus, wie er durch dieses Buch weht, wird der Linken kaum helfen

Das also sind die Fragen, und der Autor scheint, zweitens, geeignet zu sein, sich mit ihnen zu befassen. Baron wurde 1985 in Kaiserslautern geboren und zwar in, wie es dann immer heißt, "einfachen Verhältnissen". Einfach aber waren die Verhältnisse gewiss nicht. Die Mutter erlag bald dem Krebstod, der Vater war da schon lange Alkoholiker. Zu ihm ist darüber hinaus nicht mehr vorzutragen als der erste Satz des Buches von Christian Baron, er schildert darin eine Erinnerung: "Schwungvoll kracht mein kleiner Kinderkörper gegen die Wohnzimmerwand."

Auch in der Folge erzählt der Autor immer wieder persönlich und das kann ja eine gute Strategie sein - das Global-Komplexe begreiflich machen mit konkreten Erfahrungen, die eigene Biografie aufbereiten zu einer Erzählung der Welt im Kleinen. Es geht also viel um den unwahrscheinlichen Weg des Autors aus einer verlorenen scheinenden Kindheit in eine respektable Gegenwart. Der zuweilen eitel durchschimmernde Stolz ist verzeihlich und nur in geringer Weise das Problem seines neuen Buches. Das größere ist die fehlende Ordnung und die auch daraus folgende fehlende Kohärenz der Argumentation. Dem Buch stand Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" - laut Verlag autobiografisches Schreiben mit soziologischer Reflexion - spürbar Pate. Während Eribon sich noch im salonlinken Schlaubergertum verlor, verliert Baron sich leider in seinen simplifizierenden Thesen, seinen oft nur behaupteten Kausalitäten und ein wenig auch in seiner Wut.

Das ist zwar, irgendwie, im Sinne seines Fazits, demnach die Linke nur mit Mut zu einem eigenen Populismus die von ihr laut Baron "verachteten" Arbeiter wieder erreichen könne. Das ist aber auch ein performativer Selbstwiderspruch: Ein linker Populismus, wie er durch dieses Buch weht, wird der Linken kaum helfen und das kann einem schon beim Titel dämmern: "Proleten, Pöbel, Parasiten". Das ist zwar absichtlich doof gemeint, klug oder auch nur wirkungsvoll ist es deswegen noch lange nicht.