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Linke in Spanien:Wie ein Occupy-Aktivist das Parlament aufmischt

Seit drei Monaten sitzt Alberto Garzón im spanischen Parlament. Dort ist er ist nicht nur der jüngste Abgeordnete, sondern auch der ärmste. Im vergangenen Jahr verdiente er 4000 Euro. Garzón vertritt die "Empörten", die junge Occupy-Bewegung Spaniens. Er erklärt, warum die Linke in der Krise steckt - und redet die etablierten Parteien an die Wand.

Javier Cáceres

Der spanische Parlamentsabgeordnete Alberto Garzón ist gerade mal 26 Jahre alt - doch ein paar Superlative kann er schon für sich in Anspruch nehmen. So ist er nicht nur der jüngste unter den 350 Parlamentariern in Madrid. Er ist auch der ärmste. 2011 erwirtschaftete Garzón einen Verdienst von 4000 Euro; er fährt einen Peugeot 206, Baujahr 2000, zweite Hand. Und mittlerweile gilt er als die interessanteste Figur im erst drei Monate alten Abgeordnetenkongress.

Seit Alberto Garzón als Abgeordneter im spanischen Parlament sitzt, hat er sich viel Respekt erarbeitet.

(Foto: moro)

Selbst die bürgerliche Presse bezeugt Hochachtung, dabei war er gerade von ihr skeptisch beäugt worden. Garzón war aus der Mitte der außer-, teilweise antiparlamentarischen Bewegung der "Empörten", die Mitte vorigen Jahres in Spanien von sich reden machte und die globale Occupy-Bewegung beförderte, ins Herz der repräsentativen Demokratie gesprungen.

Das lag nicht zuletzt an einem TV-Debatten-Auftritt im Juli 2011. Als viele Spanier sich fragten, was eine in Arbeitslosigkeit versunkene Jugend denkt, redete der studierte Ökonom Garzón den Nachwuchs der Volksparteien im Fernsehen an die Wand. Dass die Strategen der Linken in dem Vertreter von Democracia Real Ya ("Wahre Demokratie Jetzt") einen Idealkandidaten sahen, um an den ausgefransten Rändern ihres Universums Wählerstimmen zu holen, hatte eine kuriose Pointe. Garzón war manchen in der Partei zwar als Koautor von drei systemkritischen Wirtschaftsbüchern sowie als Aktivist von Attac und als Umweltschützer ein Begriff - "aber viele wussten nicht, dass ich seit 2003 Parteimitglied war", sagt Garzón.

Die Krise der Linken hält er großenteils für selbstverschuldet. Sie erinnert ihn mit ihren Spaltungen oft an die berühmte Volksfront-von-Judäa-Szene aus Monty Python's Das Leben des Brian; zudem habe die Linke den Wahlerfolg zu sehr als Ziel und zu wenig als Mittel verfolgt. Sagt Garzón.

Dass er nun für ebendiese "Linke" mit Sakko und aus der Hose hängendem Hemd im Parlament sitzt, erfüllt ihn vor allem mit Arbeit. In den Ausschüssen für Wirtschaft, Finanzen, Haushalt ist er Sprecher der "Linken", in einem vierten Beisitzer; er repräsentiert zudem nicht nur seinen Wahlkreis Málaga, sondern eine ganze Region. Und: Er ist Ansprechpartner für die buntscheckigen "Empörten".

Weil die konservative Volkspartei PP eine absolute Mehrheit hat, sind die Bretter, die gebohrt sein wollen, sehr dick. "Ich wusste, wohin ich mich begab", sagt Garzón. Andererseits nennt er das, was er im parlamentarischen Betrieb als "Farce" empfindet, auch so.

Zum Beispiel die parlamentarischen Kontrollsitzungen. Die PP-Fraktion darf der Regierung zehn pudergezuckerte Fragen stellen, die Sozialisten ebenso viele, den restlichen Parteien ist hingegen jeweils nur eine Frage gestattet - die mitunter arrogant ignoriert werden. Als Garzón den Wirtschaftsminister Luis de Guindos, einen wohlhabenden Ex-Manager der Pleitebank Lehman, zur Finanzmarktreform befragte, bekam er nicht eine Silbe zur Antwort. Weil die Linke einen Teil seines Solds einbehält, bleiben Garzón nach Abzug von Steuern und Mieten knapp 800 Euro. "Das hilft, Bodenhaftung zu bewahren", versichert er.

© SZ vom 27.02.2012/infu

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