bedeckt München 27°

Die Linke:In der Nische

Die Linke hat besonders um junge Wähler geworben - mit mäßigem Erfolg. Sie ist deutlich unter zehn Prozent hinter AfD und FDP abgeschlagen, fast gleichauf mit Grünen.

Ein einstelliges Ergebnis, abgehängt von AfD und FDP und nahezu gleichauf mit den Grünen, die im Wahlkampf lange eine unglückliche Figur gemacht hatten - für die Linkspartei brachte der Wahlabend Katerstimmung. Bei Redaktionsschluss lag sie bei neun Prozent. Bliebe es dabei, wäre das zwar eine minimale Verbesserung im Vergleich zu 2013. Damals holte sie 8,6 Prozent. Ihre Rolle als Oppositionsführerin aber ist dahin. Das Ergebnis der AfD löste Buhrufe und Entsetzen bei den Parteigängern der Linken aus.

"Das ist ein wahnsinniger Rechtsruck. Da darf man sich nichts vormachen", sagte Linken-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht, die als erste vor ihre Anhänger in Berlin trat. Das zweistellige Ergebnis für die AfD zeige, dass viele Menschen "komplett allein gelassen worden" seien. Damit sich der Rechtsruck bei der nächsten Wahl nicht fortsetze, werde die Linke nun noch entschlossener für soziale Gerechtigkeit kämpfen. Wagenknecht machte insbesondere die SPD für den Wahlerfolg der AfD verantwortlich. Die Sozialdemokraten würden nun "hoffentlich erkennen, dass sie nicht permanent seit Gerhard Schröder Politik gegen die eigenen Wähler machen kann".

German federal elections, Berlin, Germany - 24 Sep 2017

Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht kritisierte über Monate hinweg die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Parteifreunde warfen ihr vor, bald selbst wie die AfD zu klingen. Zuletzt änderte sie ihren Kurs ein wenig.

(Foto: BABANI/EPA-EFE/REX/Shutterstock)

Spitzenkandidat Dietmar Bartsch betonte, die Linkspartei habe "das zweitbeste Ergebnis" bei Bundestagswahlen erzielt. Er sei optimistisch, dass sie im Bundestag nicht die kleinste Fraktion stellen werde. "Wer da alles in den Bundestag einzieht, ist ein Skandal. Das sind Rassisten. Das sind Fremdenfeinde", sagte Bartsch mit Blick auf die AfD.

Die große Koalition habe den Rechten den Weg gebahnt. Trotz aller Worte der Selbstermunterung könnte der Linken jetzt ein Grundsatzstreit ins Haus stehen. Es stellt sich nämlich die Frage, wie von nun an mit der SPD umzugehen ist. Manche Reformer in der Linken sehen die Zeit gekommen, die alten Feindseligkeiten mit der Sozialdemokratie beizulegen und in der Opposition gemeinsam gegen die AfD vorzugehen, in Anlehnung an antifaschistische Traditionen sozusagen. "Diese Runde ging an die AfD. Die nächste Runde beginnt am Montag", sagte die Parteivorsitzende Katja Kipping. "Das fortschrittliche Lager wird sich neu aufstellen müssen." Wichtig sei vor allem, dass in Deutschland "nie wieder Faschismus" möglich werde.

Zehn Prozent plus x und drittstärkste Kraft im Bundestag, mit diesem Ziel war die Linke in den Wahlkampf gezogen. Mit Blick auf die Ergebnisse der AfD allerdings hatten sich die Parteioberen lange vor der Wahl auf einen eher ungemütlichen Wahlabend eingestellt. In Berlin traf man sich am Wahlabend im Festsaal Kreuzberg, einem ehemaligen Autohaus, das neben alten Fabriken und selbstgezimmerten Klubs an der Spree steht. Früher stand an dieser Nahtstelle zwischen Kreuzberg und dem Ostbezirk Treptow die Mauer, heute blüht hier eine unfrisierte, ziemlich hippe Freizeitlandschaft.

Alt und Jung, Ost und West gemeinsam in einer widerspenstigen Nische - so oder so ähnlich sollte man die Botschaft des Ortes verstehen, den die Linke sich für ihre Wahlparty ausgesucht hatte. Oder anders ausgedrückt: Die Linke wildert gern in fremden Jagdgründen, hier am Rand der Grünen-Hochburg Kreuzberg.

Neue Anhänger kommen oft aus Bewegungen wie Blockupy oder aus Antifa-Gruppen

Es kam anders. Die Grünen lagen zunächst - anders als prognostiziert - nicht hinter der Linken, sondern knapp vor ihr. Und auch, wenn die beiden Parteien sich im Laufe des Abends annäherten: Die Linke hatte sich mehr erhofft. Vor allem hatte sie auf junge Wähler gesetzt, denn viele ostdeutsche Stammwähler kommen ihr aus Altersgründen abhanden. 2017 seien mehr als 1000 neue Parteimitglieder eingetreten, netto, also unter Abzug der Abgänge und Todesfälle, hieß es vor der Wahl. Die meisten Neuen seien jünger als 35 Jahre und stammten aus Bewegungen wie Blockupy, Antifa-Gruppen oder aus dem Umfeld der Piraten, deren digitale Agenda sich die Linke einverleibt hat.

Zudem, so hoffte man, würde die Aussicht auf ein Jamaika-Bündnis viele grüne Wähler zur Linken treiben. Klar war aber auch schon vor der Wahl, dass die Linke Wähler an die AfD verlieren würde. Bei den Landtagswahlen im Osten hatte sie hier erheblich Federn gelassen, übertroffen nur von der CDU. Bundesweit wechselten nun ungefähr 500 000 Wähler von der Linken zur AfD. Gerade Menschen mit Abstiegserfahrungen und -ängsten nehmen die Linkspartei offenbar immer weniger als eine Protestpartei wahr. Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht suchte der Misere im Wahlkampf mit scharfer Kritik an der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu begegnen. Sie klinge bald wie die AfD, warfen Parteikollegen ihr daraufhin vor. Der Ärger war groß. Zuletzt korrigierte Wagenknecht ihren Kurs etwas, wohl auch, um Grünen-Anhängern den Wechsel zur Linken zu erleichtern. Umstritten war in der Linkspartei aber auch, wie stark man sich von der SPD abgrenzen sollte. Die Parteichefs Bernd Riexinger und Katja Kipping rieten hier zur Vorsicht. Denn bei aller Konkurrenz um soziale Themen wie Rente, Löhne oder Pflege: Im Dauerclinch mit der SPD habe auch die Linke wenig Perspektive. Wagenknecht sah das anders. Der Disput könnte nun neue Fahrt aufnehmen. Es darf gestritten werden bei der Linken, auch nach der Wahl.