FrankreichDie Vorwahl, die keine ist

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Siegerin unter Ungeeinten: Christiane Taubira.
Siegerin unter Ungeeinten: Christiane Taubira. (Foto: Thomas Coex/AFP)

Christiane Taubira siegt bei einer Internet-Bürgerbewertung der linken Präsidentschaftskandidaten, die gegen Emmanuel Macron antreten sollen. Das Projekt hat nicht gehalten, was man sich davon versprach.

Von Thomas Kirchner, München

Anne Hidalgo, die für die Sozialistische Partei zur französischen Präsidentschaftswahl antritt, hat einen weiteren Rückschlag zu verkraften. Bei der Online-Befragung einer Bürgerbewegung zu den Kandidaten der linken Parteien kam die Bürgermeisterin von Paris nur auf den fünften Platz. Populärste Kandidatin war die erst kürzlich ins Rennen eingestiegene Christiane Taubira, die insgesamt die besten Noten erhielt. Auf dem zweiten Rang landete der Grüne Yannick Jadot vor Jean-Luc Mélenchon von France Insoumise und Pierre Larrouturou. Mélenchon, Jadot und Hidalgo hatten vorab erklärt, sie fühlten sich an das Ergebnis nicht gebunden.

Die Bürgerbewegung war vor mehr als einem Jahr gegründet worden, um einen linken Einheitskandidaten zu erhalten. Ihre Mitglieder sind besorgt über die Zersplitterung der Linken: Deren Protagonisten könnten zwar bei der Wahl am 10. April zusammen laut Umfragen auf eine ansehnliche Prozentzahl kommen, einzeln werden sie aber voraussichtlich keinerlei Aussichten haben, in die Stichwahl zu kommen. Als Favorit gilt nach wie vor Amtsinhaber Emmanuel Macron, der seine Kandidatur noch nicht erklärt hat, aber laut Umfragen auf 24 bis 26 Prozent käme. Gute Chancen kann sich Valérie Pécresse, Kandidatin der Republikaner, ausrechnen (16 bis 17). Ein Überraschungserfolg könnte aber auch der Rechtsaußen-Politikerin Marine Le Pen (16 bis 17) und sogar dem Rechtsextremen Éric Zemmour (12,5 Prozent) gelingen.

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An der Abstimmung nahmen knapp 400 000 Personen teil, mehr als 460 000 hatten sich dafür eingetragen. Sie konnten den Kandidaten Noten geben wie in der Schule, von "sehr gut" bis "ungenügend". Das Ergebnis bedeutet eine Stärkung für Taubira, die Justizministerin unter dem sozialistischen Präsidenten François Hollande war; ob es ihr entscheidend hilft, ist aber unsicher. Taubira war die erste schwarze Ministerin Frankreichs und hatte eine betont linke Politik gemacht; unter anderem verantwortete sie die Einführung der Ehe für alle. Taubira hatte als einzige angekündigt, das Ergebnis der Befragung zu akzeptieren. Nach der Bekanntgabe der Resultate am Sonntagabend erklärte sie sich bereit zur Zusammenarbeit mit ihren Konkurrenten.

Die "Vorwahl des Volkes" hat die Linke nicht zu einer gemeinsamen Linie gebracht

Am Ende hat die "Primaire populaire", die Volksvorwahl, wohl eher das Gegenteil des Beabsichtigten erreicht. So lautet auch in den französischen Medien überwiegend das Urteil über die "Vorwahl, die keine ist". Die linken Kandidaten werden sich nun vermutlich noch unversöhnlicher als zuvor bekämpfen, keiner von ihnen denkt zumindest öffentlich ans Aufgeben. Der Grüne Jadot hatte darauf verwiesen, dass er sich parteiintern schon in einer Abstimmung durchgesetzt hatte; Mélenchon wiederum pochte auf die 250 000 Unterschriften, der er schon gesammelt habe. Hidalgo hatte schon im vergangenen Dezember angeboten, sich zugunsten eines linken Einheitskandidaten zurückzuziehen. Sie äußerte am Sonntagabend ihre Ernüchterung und sprach von einer verpassten Gelegenheit für die Linke, sich zu sammeln.

Mehr als bisher schon werden sich die linken Kandidaten nun an den Umfragen orientieren. Diese sehen Mélenchon derzeit bei etwa zehn Prozent der Stimmen, Jadot bei sechs, Taubira bei vier und Hidalgo bei immer noch nur drei Prozent.

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