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Linken-Politiker De Masi:Ganz oder gar nicht

Bundestagsabgeordneter Fabio de Masi kandidiert nicht mehr

"Wir gewinnen nichts, wenn wir weltfremd wirken oder Stress in der Gesellschaft tabuisieren": Fabio De Masi.

(Foto: Britta Pedersen/picture alliance/dpa)

Der anerkannte Finanzexperte der Linken, Fabio De Masi, kandidiert nicht mehr für den Bundestag. Er sendet einen kernigen Abschiedsgruß an die Genossen. Sein Abgang steht für den Frust einer Strömung innerhalb der Partei.

Von Boris Herrmann, Berlin

Am Mittwoch veröffentlichte Fabio De Masi einen Text, der streckenweise klang wie eine Bewerbungsrede für den Parteivorsitz. Die Corona-Krise sei "eine enorme Chance für die politische Linke, auf Angriff zu spielen" und Staats- und Marktversagen zu thematisieren, schreibt der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken. Das Dokument ist aber keine Bewerbung, sondern ein Abschiedsgruß. De Masi begründet damit, weshalb er im September nicht mehr für den Bundestag kandidiert.

Die Linke verliert damit einen ihrer fleißigsten Abgeordneten, einen parteiübergreifend anerkannten Finanzexperten. Im Wirecard-Skandal erwarb er sich mit fisseliger Detektivarbeit den Ruf des "Chefaufklärers". Noch ist niemand in Sicht, der die Lücke füllen könnte, die De Masi in der Linksfraktion hinterlässt.

De Masi arbeitete eng mit Sahra Wagenknecht zusammen

Hinter seinem knalleffektvollen Abgang steckt aber ein noch größeres Problem für die Partei, nämlich der Frust einer Strömung, die von der ehemaligen Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht angeführt wird. Inhaltlich lässt sich diese Gruppe nur schwer in das klassische Raster von Realos bis Linksaußen einordnen. Es ist auch eine taktische Allianz - und zwar eine, die sich bei der anstehenden personellen Neuausrichtung auf dem Parteitag nicht ausreichend repräsentiert fühlt. Das birgt große Sprengkraft.

Der Deutsch-Italiener De Masi kam unter anderem als wissenschaftlicher Mitarbeiter Wagenknechts in die Politik, mit ihr zusammen gründete er später die Bewegung "Aufstehen", welche die Linke zeitweise an den Rand der Spaltung brachte. Vor allem mit ihren parteiintern höchst umstrittenen Thesen zur Flüchtlingspolitik. Vor diesem Hintergrund sind eine ganze Reihe von Sätzen zu verstehen, mit denen De Masi den Genossen nun seine Meinung geigt. Etwa dieser: "Wir gewinnen nichts, wenn wir weltfremd wirken oder Stress in der Gesellschaft tabuisieren."

De Masi vergisst nicht zu erwähnen, dass an ihn der Wunsch herangetragen worden sei, für den Parteivorsitz zu kandidieren. Insider wissen, dass es vor allem Wagenknecht war, die sich dafür starkgemacht hatte. Letztlich vergeblich. Und weil De Masi ein Ganz-oder-gar-nicht-Mensch ist, kommt sein Rückzug aus dem Bundestag auch nicht überraschend.

Die privaten Gründe, die er dafür anführt, müssen deshalb nicht vorgeschoben sein. Er führt eine Fernbeziehung nach Südafrika und hat einen Sohn, um den er sich mehr kümmern will. Aber wer De Masi und seinen Ehrgeiz kennt, der ahnt, dass er trotzdem weitergemacht hätte, wenn ihm seine Partei jene Wertschätzung erwiesen hätte, die ihm aus seiner Sicht gebührt.

Er wollte "nie an den Füßen voran aus dem Bundestag herausgetragen werden", schreibt er. Diese Füße immerhin stellt er auch künftig dem Parlament zur Verfügung - als Linksverteidiger beim FC Bundestag.

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