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FDP:Doppelter Lindner

Gefährlichkeit der AfD unterschätzt: der FPD-Vorsitzende Christian Lindner.

(Foto: ODD ANDERSEN/AFP)

Er hat die Partei nach dem Debakel 2013 zurück in den Bundestag geführt. Vielleicht führt er sie bald auch wieder heraus.

Es sieht nicht gut aus für Christian Lindner. Aber niemand weiß besser als er selbst, dass alles noch viel schlimmer laufen könnte. Im Jahr 2011, als der damalige FDP-Chef Philipp Rösler wegen Ärgers um das innerparteiliche Euro-Referendum unter Druck geraten war, verschärfte sein Generalsekretär die Lage durch Rücktritt - weil es Momente gebe, in denen man seinen Platz frei machen müsse, um eine neue Dynamik zu ermöglichen. Dieser Generalsekretär war Christian Lindner. Die Generalsekretärin von Christian Lindner heißt Linda Teuteberg. Nachdem Thomas Kemmerich, FDP-Ministerpräsident von Gnaden der AfD, seinen Rückzug angekündigt hatte, feierte die Brandenburgerin dies pflichtschuldig als Erfolg ihres Vorsitzenden. Auf seine Leute kann Lindner sich verlassen. Umgekehrt gilt das nicht.

Lindners parteihistorische Leistung besteht darin, die FDP in der außerparlamentarischen Opposition aufgerichtet und zurück in den Bundestag geführt zu haben. Lindners bundespolitisches Vermächtnis aber ist das eines doppelten Scheiterns. Nach der Bundestagswahl 2017 vereitelte er die Jamaika-Koalition mit Union und Grünen, ohne plausibel machen zu können, warum es besser sein sollte, dem Land eine Neuauflage von Schwarz-Rot aufzuzwingen. Dieses Versäumnis verblasst nun angesichts des Versagens von Erfurt. Lindner selbst musste einräumen, die Gefährlichkeit der AfD unterschätzt zu haben, ebenso wie deren Willen, die Demokratie zu schädigen. Das wird auf immer die Frage hinterlassen, wie groß die Zeichen hätten sein müssen, damit der Vorsitzende einer liberalen Partei sie nicht übersieht.

Im Unterschied zur CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ist es Lindner zwar gelungen, seine Autorität vorläufig wiederherzustellen. Das hat aber Gründe, von denen nur einer Lindner wirklich zur Ehre gereicht. Anders als Kramp-Karrenbauer war Lindner in der Lage, durch schnelles Eingreifen in Erfurt den Schaden zu begrenzen. Auch auf Druck Lindners hin erklärte Kemmerich den Rücktritt von einem Amt, das er nie hätte annehmen dürfen. Der Thüringer Landesverband entschuldigte sich gar für die Malaise, in die er die Partei gebracht hat.

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Für diese Lage aber ist maßgeblich jener Mann verantwortlich, hinter dem sich nun Parteivorstand und Fraktion versammelt haben. Der Mann, der den Liberalen vor der Bundestagswahl ein moderneres und menschliches Antlitz verpasst und ihnen zugleich eine einschläfernde innerparteiliche Ruhe verordnet hatte. Der Mann, der dann mit der AfD allen Ernstes um Protestwähler konkurrieren wollte. Der Mann, der die FDP um die Chance brachte, das alte, rein wirtschaftliberale Profil glaubwürdig abzuschleifen und einen liberalen Kern herauszuarbeiten. Christian Lindners Versagen war eben kein Versagen des Moments.

Nichts davon rechtfertigt nun die unsägliche Kampagne, mit der die FDP in die rechtsradikale Ecke gestellt werden soll. Hier verdient sie die Solidarität aller Demokraten. Aus der selbstverschuldeten Krise aber müsste die Partei alleine finden. Es sieht nicht so aus, als würde das mit Christian Lindner gelingen. Noch weniger sieht es aber so aus, als könnte das ohne Lindner gelingen. Die Partei ist nach wie vor auf ihren Retter fixiert. Christian Lindner hat die Liberalen in den Bundestag geführt. Womöglich führt er sie auch wieder heraus.

© SZ vom 11.02.2020/kit
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