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Libyens Zukunft nach Gaddafis Tod:Wenn der gemeinsame Feind fehlt

Nur Träumer können ernsthaft glauben, dass sich Libyen nach Gaddafis Tod zu einer Demokratie nach westlichem Vorbild wandelt. Die Rebellen waren sich allein im Widerstand gegen den Ex-Diktator einig - am Ende wird wohl nur der politische Islam das Land befrieden können.

Der Autokrat ist tot, aber das Erbe seiner Herrschaft wird das Land noch lange belasten. Muammar al-Gaddafis Ende bedeutet für Libyen die Erlösung aus seiner Tyrannei, und die Nato hat mit ihren Kampfflugzeugen den Rebellen den Weg bereitet. Aber nur Träumer können glauben, der nordafrikanische Staat werde sich zu einer Demokratie nach westlichem Vorbild wandeln - auch wenn der Zeitplan, den das Übergangsregime verfolgt, diesen Eindruck erweckt.

GADDAFI Leben und Tod von Gaddafi Video
Libyen

Leben und Tod von Gaddafi

Rückblick auf einige Stationen im Leben von Muammar al-Gaddafi.

Im zerschossenen Sirte, dem Geburts- und Todesort des Diktators, wird der Chef des Übergangsregimes, Mustafa Abd al-Dschalil, voraussichtlich an diesem Samstag die "Befreiung" und den Beginn der neuen Zeit verkünden. Binnen 30 Tagen soll aus dem undurchsichtigen Nationalen Übergangsrat, der die Revolution anführte, eine vorläufige Regierung werden. Der jetzige "Premierminister" Mahmud Dschibril, ein in Amerika ausgebildeter Wirtschaftsfachmann, wird ihr nicht mehr angehören, aber die Leitung behalten, bis das Kabinett gebildet ist.

Als nächste Stufe ist in den folgenden Wochen die freie Wahl einer "Libyschen Konferenz" vorgesehen, der außer ihrem Vorsitzenden Dschibril kein anderes Mitglied des Übergangsrates angehören soll. Zusammen mit unabhängigen Experten bildet die Konferenz einen Verfassungsausschuss, der die Kompetenzen der Vorläufigen Regierung bestimmen und ein Grundgesetz für das neue Libyen ausarbeiten soll. Wenn diese Verfassung vom Volk in einem Referendum angenommen wird, bleibt das Parlament zu wählen, aus dem dann die endgültige legitime Regierung des demokratischen Libyen hervorgehen soll. So weit die Theorie.

Es gibt in dem "Massenstaat", den Gaddafi dem Land verpasste, keinerlei politische Strukturen, keine Verwaltung, keine Staatspartei, auf die sich solch komplizierte Abläufe stützen könnten. Weder die miteinander rivalisierenden Stämme noch die "Stadträte", die im Verlauf der Revolution entstanden sind und eifernd auf ihre Rechte pochen, sind dafür geeignet. Der Stamm der Kadhafa, der dem gestürzten Diktator bis zuletzt die Treue hielt, ist dem neuen Regime sowieso nicht wohlgesinnt.

Nicht der Übergangsrat bestimmt bisher, was im Land geschieht, sondern sein bewaffneter Arm, die Milizen der Aufständischen und ihre Kommandeure, die sich bis Donnerstag zwar über den Feind einig waren, aber sonst über wenig. Sie haben die Waffen aus den Depots Gaddafis, sie haben Geld, und sie verfügen sowohl über loyale Gefolgsleute als auch über die Mittel, Andersdenkende unter Druck zu setzen. Selbst Dschibril hat mehrmals vor dieser Gefahr gewarnt. Einmal sprach er in einem Interview von drohendem "Chaos".

Der Rechtsanwalt Fathi Terbil aus Bengasi, dessen Verhaftung im Februar die Revolution in Gang brachte, weist heute darauf hin, dass die Milizen durch Ausschreitungen gegen Gaddafi-Anhänger, durch willkürliche Verhaftungen und Folter das neue Regime in Misskredit bringen. Solche Razzien sind unter anderem aus der Hauptstadt Tripolis bekannt geworden.

Ex-Diktator Gaddafi

Bunte Stoffe und ein Gewehr im Anschlag