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Libyen:Viel Glück für die Zukunft

Premier Serraj verkündet seinen Rückzug zu einem heiklen Zeitpunkt.

Von Moritz Baumstieger

Fayez al-Serraj hatte es als libyscher Premier nie leicht, seine Autorität stand von Anfang infrage: Nachdem er 2015 in einem von den UN vermittelten Prozess eingesetzt wurde, regierte er zunächst von einem Schiff aus, Milizen in der Hauptstadt ließen ihn nicht an Land. Später wurde er als "Bürgermeister von Tripolis" verspottet, seine Macht reichte kaum bis an die Stadtgrenzen. Das änderte sich, als die Türkei an seiner Seite intervenierte - seine Gegner vehöhnten ihn jedoch fortan als "Erdoğans Pudel".

Nun hat der 60-Jährige erklärt, möglichst bald zurücktreten zu wollen, und seinen Nachfolgern viel Glück gewünscht. Dass Serraj nicht an seinem Amt klebt, ist für Libyen zunächst eine gute Nachricht. Uneinsichtigere Charaktere wie der ehemalige Machthaber Muammar al-Gaddafi oder aktuell der Warlord Khalifa Haftar haben viel Leid über ihr Land gebracht, weil sie nicht einsehen wollten, dass ihre Zeit abgelaufen ist.

Der Zeitpunkt, den der Premier zur Verkündung seines Rückzuges gewählt hat, ist jedoch mehr als heikel: Erstmals seit Langem verhandeln Delegationen aus dem Osten des Landes mit der Regierung aus Tripolis. Gerangel um die Nachfolge von Serraj könnte diese Gespräche empfindlich stören, denn bei solchen Fragen mischen in Libyen bewaffnete Milizen mit.

© SZ vom 18.09.2020
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