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Libyen:Niederlage für Haftar

Hastig zurückgelassene Ausrüstung, im Schutz der Nacht fliehende Milizen: Durch türkische Unterstützung gelingt der Einheitsregierung die Wende im Bürgerkrieg.

Von Paul-Anton Krüger

In Libyen hat die international anerkannte Einheitsregierung von Premier Fayez al-Serraj die Offensive des abtrünnigen Generals Khalifa Haftar auf die Hauptstadt Tripolis vollständig zurückgeschlagen. Am Freitag nahmen loyal zu Serrajs Regierung stehende Milizen weitgehend kampflos die Stadt Tarhuna ein, die Haftars Truppen als logistischer Brückenkopf für ihren Vormarsch gedient hatte. Tarhuna, 70 Kilometer südöstlich von Tripolis gelegen, befand sich unter Kontrolle der lokalen Miliz der Kani-Brüder, die sich mit Haftar verbündet hatten. Die Miliz hatte die Stadt in der Nacht verlassen.

Die Truppen des abtrünnigen Generals zogen hastig ab, hinterließen viele Waffen

Ihr werden Kriegsverbrechen und Morde angelastet. Angehörige der Opfer hatten sich zum Teil regierungstreuen Gruppen angeschlossen, weshalb manche Beobachter fürchten, es könnte zu Racheakten bei deren Einmarsch kommen. Haftars sogenannte Libysche Nationalarmee stellte diese jüngste in einer Serie militärischer Niederlagen als taktischen Rückzug dar, der die Chancen der von den Vereinten Nationen wieder aufgenommenen Vermittlungsbemühungen verbessern solle. Allerdings ließen die Truppen große Mengen Waffen, Ausrüstung und Munition zurück und legten Sprengfallen und Minen. All das ist eher typisch für einen hastigen, denn für einen geplanten Abzug.

Die Wende in der seit April 2019 tobenden Schlacht um Tripolis hatte eine massive Militärintervention der Türkei auf Seiten der Einheitsregierung gebracht. Präsident Recep Tayyip Erdoğan schickte bewaffnete Drohnen, Luftabwehr und Störsender, gepanzerte Fahrzeuge, türkische Offiziere und aus Syrien rekrutierte Söldner zur Unterstützung der Milizen auf Seiten der Einheitsregierung. Haftar hatte zuvor die Oberhand gewonnen, unterstützt von emiratischen Drohnen und Luftabwehr, Waffenlieferungen aus Jordanien und Ägypten und vor allem mit Hilfe gut ausgebildeter russischer Söldner der eng mit dem Kreml verbundenen Militärfirma Gruppe Wagner. Seine Truppen hatten sich so weit in die Vororte von Tripolis vorgekämpft, dass die Artillerie zentrale Stadtviertel und den Flughafen Mitiga unter Beschuss nehmen konnte.

Fraglich ist nach wie vor, ob Vermittlungsbemühungen der UN eine politische Lösung des Konflikts herbeiführen können, oder ob die jüngste Entwicklung nur auf einer Verständigung zwischen Moskau und Ankara beruht, der die nächste Eskalation folgt. Russland hat 14 Kampfjets nach Libyen verlegt. Erdoğan hat angekündigt, er werde seine Unterstützung für die Regierung noch ausbauen; das größte Hindernis für Frieden sei Haftar. Erdoğan kündigte gemeinsame Gasbohrungen mit Libyen im Mittelmeer an in Gebieten, die auch Griechenland und Zypern beanspruchen. Er hatte seine Unterstützung für die Regierung in Tripolis massiv ausgebaut, nachdem diese ein international nicht anerkanntes Abkommen über Gebietsansprüche im Mittelmeer unterzeichnete.

Kanzlerin Angela Merkel forderte in einem Telefonat mit Serraj eine Verhandlungslösung, wie ein Regierungssprecher mitteilte. Außenminister Heiko Maas und sein italienischer Kollege Luigi Di Maio warnten in Berlin vor einer neuen Eskalation. Di Maio verwies bei der gemeinsamen Pressekonferenz auf die steigende Zahl von Waffen und Söldnern in dem nordafrikanischen Land.

© SZ vom 06.06.2020

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