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Libyen nach Gaddafis Tod:Die Erwartungen sind groß

Die negative Bilanz Gaddafis beschert den Nachfolgern zunächst einen Startvorteil. Denn der Bruder Revolutionsführer ist mit allem gescheitert, was er in seinem politischen Leben anfasste. Er hat es mit der arabischen Einheit versucht, mit weltweiter Unterstützung antiimperialistischer Strömungen, mit der Hinwendung zu Schwarzafrika, mit Hochrüstung und ruinösen Prestigeprojekten, mit der bizarren Suche nach eigenen politischen Wegen und später mit der Anbiederung beim Westen.

Gaddafi

Staatsmännisch inszenierte sich Gaddafi gern - bis zum Ende strickte er an seiner eigenen Legende.

(Foto: Reuters)

Alles kostete viel Geld, brachte aber den Libyern nur einen mittelmäßigen Lebensstandard ein. Freiheit und die Entwicklung einer Zivilgesellschaft blieben auf der Strecke. Jetzt sind die Erwartungen umso größer. Das libysche Volk möchte endlich den Ölreichtum seiner Heimat genießen.

Jener Gaddafi-Bonus, von dem die neuen Herren profitieren können, wird indessen nicht ewig währen. Nach acht Monaten des Kampfes ist ein großer Teil der Infrastruktur zerschlagen. Bis die Ölquellen wieder so ergiebig fließen wie vor dem Krieg dürften nicht Monate, sondern Jahre vergehen. Die für eine produktive Wirtschaft nötige Millionen-Armee ausländischer Experten und Gastarbeiter, die der Krieg vertrieben hat, muss wieder angeworben werden.

Viele Libyer werden bald mit Vergleichen zwischen Einst und Jetzt beginnen. Und da nicht alles schnell besser werden kann, wird Nostalgie nicht ausbleiben, erst klammheimlich, dann in kritischer Offenheit. Nicht alle Anhänger und Klienten Gaddafis sind über Nacht im Treibsand des Umsturzes versunken.

Mit den Waffen und mit der Wahrheit waren die Sieger vielfach wie Amateure umgegangen. Sie posierten gern und schossen viel in die Luft. Das Kriegshandwerk lernten sie nur allmählich, und die Kämpfe hätten sie ohne ausländische Hilfe schnell verloren, obwohl sich Gaddafis Streitkräfte mit ihrem verschlampten Arsenal in früheren regionalen Konflikten auch nicht als Helden erwiesen hatten. Zu oft meldeten die Rebellen Siege, die es nicht oder noch nicht gegeben hatte.

Die große Rechnung über die menschlichen Kosten des Krieges muss erst aufgemacht werden. In einem Bürgerkrieg hält sich keine Partei an die Haager Landkriegsordnung. Die Luftintervention der Alliierten wurde damit begründet, dass Massaker vermieden und die Bevölkerung geschützt werden sollten. Die sogenannten Kollateralschäden dieses Einsatzes waren gleichwohl beträchtlich. Auch sie gilt es nun zu bilanzieren. Es ist Zeit für Inventur in Libyen.