Libyen nach Gaddafi:Folgt ein Bürgerkrieg der Sieger?

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Zu Beginn der arabischen Aufstände ließ sich all das kaum vorhersagen. Jetzt, ein halbes Jahr später, ist das Bild klarer. Der Untergang des Gaddafi-Staats setzt auch in Libyen einen Prozess mit offenem Ende in Gang. Können und wollen die libyschen Aufständischen den Operettenstaat des Putschisten von 1969 in eine funktionierende Demokratie verwandeln? Greifen die Islamisten, die sich bisher bedeckt halten, nach der Macht? Folgt dem Sieg der Bürgerkrieg der Sieger? Zerfällt das Land?

Unabhängig vom inneren Verlauf der Bengasi-Revolution werden die Ereignisse auch die seit Monaten andauernden Aufstände in Jemen und Syrien aufs Neue befeuern. Präsident Baschar al-Assad mag seine Aufständischen heute noch zusammenschießen lassen. Morgen oder übermorgen wird auch er gehen müssen; Gaddafi lässt grüßen.

Die arabischen Revolutionen sind ein grenzüberschreitendes Phänomen, weil die Ungerechtigkeit in allen Staaten dieselbe war. Damit aber enden die Gemeinsamkeiten. Anders als die Menschen in Jemen und Syrien haben die libyschen Aufständischen früh zu den Waffen gegriffen. In Libyen hat zudem die Nato als ausländische Macht eingegriffen, hat den Rebellen den Weg nach Tripolis freigebombt.

Dazu wird es in Syrien nicht kommen. Während Libyen unter Gaddafi zu einem isolierten Komödiantenstadel mit angeschlossener Folterkammer verkam, bleibt Syrien ein ethnisch zerrissener Staat mit einem brutalen Diktator an der Spitze. Anders als Libyen ist Syrien ein hoch komplexer Schlüsselstaat in Nahost. Eine Einmischung zöge unabsehbare Folgen nach sich.

Der libysche Sieg ist an einen Schuldschein gekoppelt. Ob die Militärhilfe der Nato von den Libyern jemals in Form demokratischer Verhältnisse beglichen wird, muss sich zeigen. Einklagen lässt sich das nicht. Auf dem Weg zu einem Libyen ohne Gaddafi mögen die Aufständischen fremde Hilfe angenommen haben. Am Ziel angekommen, entscheiden sie selbst über ihre Zukunft.

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