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Libyen:Mehrere gekenterte Flüchtlingsboote - viele Tote im Mittelmeer

Migrants rescue off the Libyan coast

Ein Bild der italienischen Küstenwache zeigt ein gekentertes Flüchtlingsboot - Retter befürchten eine Massenflucht über das Mittelmeer.

(Foto: Italian Navy/dpa)
  • Ein Flüchtlingsboot ist nach Angaben der italienischen Küstenwache im Mittelmeer gesunken. Wie viele Menschen an Bord sind, wissen die Behörden nicht.
  • Die steigende Zahl von Flüchtlingsbooten bringt auch die Bundeswehr, die vor der libyschen Küste im Einsatz ist, an ihre Kapazitätsgrenze.
  • Wegen des guten Wetters fürchten Retter eine Massenflucht über das Mittelmeer.

Von Oliver Klasen

Wie viele Menschen sind in den vergangenen zwei Tagen im Mittelmeer gestorben - ertrunken, bei dem Versuch, mit einfachen Holzbooten von Libyen aus gen Italien im See zu stechen, auf dem Weg in ein vermeintlich besseres Leben?

Sind 20 bis 30 Menschen tot, wie die italienische Küstenwache sagt? Sind es etwa 100, wie Überlebende berichten, die nach ihrer Rettung in einem sizilianischen Hafen befragt wurden? Oder sind es Tausende Tote, ist es die "schlimmste Tragödie im Mittelmeer, die je erlebt wurde", wie die Hilfsorganisation "Sea Watch" zunächst auf Twitter schrieb, dann allerdings die Zahl wieder entfernte.

Allein am Donnerstag mehr als 20 Rettungseinsätze

Es ist kaum möglich, Ordnung in die Zahlen zu bringen an diesem Donnerstag. Es ist auch nicht klar, von wie vielen Bootsunglücken die Rede ist. Klar ist nur, dass aufgrund des guten Wetters immer mehr Menschen die Überfahrt über das Mittelmeer wagen. Der italienischen Küstenwache zufolge wurden in den vergangenen vier Tagen 10 000 Menschen gerettet. Allein am Donnerstag wurden bei mehr als 20 Rettungseinsätzen etwa 4000 Flüchtlinge geborgen.

Einigermaßen gesichert erscheinen die Informationen zu zwei Bootsunglücken: Vermutlich hat sich eines am Mittwoch ereignet, als ein völlig überfülltes Boot unweit der libyschen Küste kenterte. Die Insassen sollen zwei Schiffe entdeckt und sich alle auf eine Seite des Bootes verlagert haben - eine Reaktion, über die Hilfsorganisationen schon häufig berichtet haben und die regelmäßig in einer Katastrophe endet.

Den Angaben der italienischen Küstenwache zufolge sollen bei diesem Unglück allerdings mehr als 550 Personen gerettet worden sein. Für fünf Menschen sei jede Hilfe zu spät gekommen. Die Überlebenden, die in Porto Empedocle von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) befragt wurden, berichteten jedoch, dass das Boot in Libyen mit mehr als 650 Passagieren abgelegt habe. Etwa 100 Menschen hätten sich demnach im Rumpf befunden, wie IOM-Sprecher Flavio Di Giacomo bekanntgab.

Das zweite Unglück soll sich am Donnerstag zugetragen haben. 20 bis 30 Flüchtlinge könnten bei dem Unglück ums Leben gekommen sein, sagte Rino Gentile, ein Sprecher der EU-Krisenmission "Sophia", die Schleuser bekämpfen und verhindern soll, dass von Libyen aus Flüchtlinge die gefährliche Reise über das Mittelmeer antreten.

Bundeswehr hat seit bisher 14 000 Menschen aus Seenot gerettet

Das gekenterte Boot sei am Donnerstagmorgen von einem Aufklärungsflugzeug der gesichtet worden. Man habe den verzweifelten Menschen im Wasser, die sich teilweise noch an das Holzboot klammerten, Schwimmwesten zugeworfen, so Gentile. Die italienische Küstenwache macht keine Angaben zu möglichen Todesopfern, bestätigt aber, dass es eine Rettungsaktion gegeben hat und 88 Flüchtlinge von zwei Schiffen gerettet worden sind.

Die steigende Zahl von Flüchtlingsbooten bringt auch die Bundeswehr im Seegebiet zwischen Libyen und Italien an ihre Kapazitätsgrenze. "Wir sind ein bisschen erschrocken über die große Zahl derjenigen, die jetzt, wo das Wetter stabil ist, aus Libyen kommen", sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr. Die Bundeswehr beteiligt sich seit Juni 2015 an der Operation, die seit Kurzem "Sophia" heißt und nach einem auf der Fregatte Schleswig-Holstein geborenen somalischen Baby benannt ist. Aufgabe der Deutschen ist die Seenotrettung und die Aufklärung von Schleusernetzwerken. Seit Beginn ihres Einsatzes südlich von Italien hat die Marine mehr als 14 000 Menschen gerettet.

Wie die Bild-Zeitung berichtet, will die EU zur Überwachung ihrer Seegrenzen künftig auch Drohnen anschaffen. 67 Millionen Euro sollen dafür ausgegeben werden. Die unbemannten Flugzeuge könnten kleine Schlauchboote aufspüren, in denen Flüchtlinge versuchen, europäische Inseln oder europäisches Festland zu erreichen. Linken-Politiker Andrej Hunko kritisierte die Pläne: "Die geplante Aufrüstung mit Drohnen dient vor allem der Abschottung von Migration."

Hilfsorganisationen fürchten Massenflucht

Die private Flüchtlingshilfe-Organisation "Sea Watch" warnt unterdessen vor einer Massenflucht über das Mittelmeer. "Nach offiziellen Schätzungen befinden sich momentan hunderttausende Menschen in nordafrikanischen Ländern, vorwiegend Libyen, und warten auf die Überfahrt nach Europa", sagte der Initiator Harald Höppner.

In den Einsätzen der vergangenen Wochen habe auch das Schiff der Initiative, die Sea Watch 2, mehrere hundert Menschen aus Seenot gerettet. Die Dunkelziffer an Opfern sei vermutlich weitaus höher als die offiziellen Zahlen, "denn Boote, die nicht gefunden werden, werden auch nicht registriert".

(mit Material der Agenturen)

© SZ.de/dpa/Reuters/AFP/tamo/olkl
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