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Liberale Grundsatzdebatte in München:"Wofür steht die FDP und was wollen wir?"

Eigentlich sind die anwesenden Mitglieder dazu aufgerufen, in Vierergruppen Fragen an die Grundsatzkommission zu formulieren. Ein Vertreter der Gruppe soll die Frage präsentieren, das prominent besetzte Podium - mit Lindner, der bayerischen Generalsekretärin Miriam Gruß, dem bayerischen Wirtschaftsminister Martin Zeil und mehreren Mitgliedern der Grundsatzkommission - die Beiträge dann kommentieren. Als Diskussionsgrundlage gibt es 20 recht allgemein gehaltene Thesen, die Eingang in das neue Programm finden sollen - und die auch online bewertet werden können.

Konstruktiv ist die Debatte in München immer dann, wenn es um Bildungspolitik geht. Dass hier viel Reformbedarf besteht und Flexibilität gefragt ist - von der frühkindlichen Bildung bis zum Studieren im Alter -, darin sind sich beinahe alle einig. Generalsekretär Lindner versteigt sich gar zu der These, der Parteichef sei das beste Beispiel dafür, dass man auch spät noch einmal den Beruf wechseln könne. "Nehmen Sie Philipp Rösler, der ist Vizekanzler und hat schon angekündigt, dass er mit 45 etwas ganz anderes machen will", sagt Lindner. Lautes Raunen im Saal. Der Generalsekretär schiebt schnell hinterher: "Ganz ruhig, bis dahin haben wir ja noch sieben Jahre Zeit." Mit humoristischen Einlagen ist an diesem Abend nichts zu gewinnen. Die Verunsicherung ist groß.

"Wofür steht die FDP und was wollen wir?", will etwa eine Frau in der ersten Reihe wissen. Gleich mehrfach kommt die Frage nach dem "Alleinstellungsmerkmal" der Liberalen auf. Ein Mann mit Schnauzbart äußert derweil völlig ironiefrei die Vermutung, die Partei komme in der Außendarstellung womöglich "zu intellektuell" daher.

Zurück bleibt Verunsicherung

Lindner gibt den ausdauernden Erklärer, er nutzt viele Metaphern an diesem Abend: "Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Foto machen. Da stellen Sie auch erst einmal scharf, bevor Sie abdrücken. Das machen wir gerade." Oder: "Bei BMW werden auch erst einmal Blaupausen von neuen Modellen angefertigt, bevor über die Zeitungsanzeigen nachgedacht wird."

Die Liberalen seien die Partei für ein stabiles Europa, schon immer. Keine andere Partei habe die ökologische Marktwirtschaft so früh propagiert, und die FDP sei auch die Bildungspartei schlechthin. "So viel zum Werbeblock", sagt Lindner und lächelt. Mit seiner Rhetorik gewinnt er viele Sympathien, aber die Fragezeichen in den Gesichtern werden nicht kleiner. Ein Liberaler älteren Semesters fragt entgeistert: "Wenn das alles so selbstverständlich ist, was ist dann das Spezielle an der FDP?" Und ein Herr im feinen Zwirn mahnt: "Bevor wir neue Blaupausen machen, sollten wir doch erst einmal verkaufen, was wir schon haben!"

Am Ende der Veranstaltung - inzwischen sind drei Stunden vergangen - greift die Verunsicherung auf das Podium über: "Ich nehme für mich persönlich aus dieser Runde mit, dass der FDP das Alleinstellungsmerkmal fehlt", sagt ein weibliches Mitglied der Grundsatzkommission. Also jenes Gremiums, das besser als alle anderen über die Inhalte Bescheid wissen müsste.

Christian Lindner steht neben ihr, schaut sie völlig entgeistert an, schüttelt heftig den Kopf und singt zum Abschluss noch einmal auf das Hohelied der individuellen Freiheit, die die FDP - im Gegensatz zu allen anderen - in den Vordergrund ihres Handelns stelle. Er bekommt dafür viel Applaus, aber nur wenig mehr als jener grauhaarige Diskussionsteilnehmer, der noch schnell eine Anforderung an das neue Programm loswerden möchte: "Egal was Sie schreiben, achten Sie bitte darauf, dass es in verständlicher Sprache gehalten ist."

© suedeutsche.de/lala

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