Süddeutsche Zeitung

Libanon:Zwischen den Fronten

Wie sich der libanesische Regierungschef Hariri positioniert.

Das einstündige Fernsehinterview sollte mit den Gerüchten über seinen überraschenden Rücktritt aufräumen. Doch der libanesische Regierungschef Saad al-Hariri, der sich seit Anfang November in Saudi-Arabien aufhält, wirkte am Sonntagabend auf viele Zuschauer alles andere als selbstbestimmt. Die libanesische Führung geht davon aus, dass Hariri gegen seinen Willen von der Führung in Riad festgehalten wird und sein Rücktritt erzwungen wurde.

Gleich zu Beginn des Live-Gesprächs sagte die Moderatorin Paula Yacoubian, viele Libanesen glaubten, dass er unter Druck stehe und seine Aussagen keinerlei Wert hätten. "Auch mir werfen sie vor, ich sei Teil eines Theaterstücks", so Yacoubian, die für den Sender Future TV arbeitet, der den Hariris gehört. Doch Hariri beteuerte, dass er jederzeit aus Saudi-Arabien ausreisen könnte. "König Salman behandelt mich wie einen Sohn. Es gibt Dinge, in denen sind wir uns sehr einig, und Dinge, in denen wir es natürlich nicht sind."

Mit seinem Rücktritt habe er einen "positiven Schock" auslösen wollen. Es sei nicht normal, dass eine "Fraktion in Libanon" im Jemen und in Syrien aktiv sei. Und es sei auch nicht normal, dass in Riad Raketen aus Jemen einschlügen. Damit meint er die schiitische Hisbollah, die gemeinsam mit ihrer Schutzmacht Iran Stellvertreterkriege in Syrien, in Jemen, im Irak und nun auch in Libanon gegen das sunnitisch geprägte Saudi-Arabien führt. Warum solle er die Verantwortung für die Planung einer strategischen "Achse" gegen "unsere arabischen Brüder" tragen?, so Hariri im Interview. Es könne nicht sein, dass Iran sich in die Angelegenheiten arabischer Länder einmische.

Der harsche Kurs des "neuen Saudi-Arabien" sei nicht gegen den Staat Libanon gerichtet, sondern gegen die Hisbollah - die wiederum an der libanesischen Regierung beteiligt ist. Würde die Hisbollah sich in regionalen Konflikten künftig zurückhalten, würde er seine Entscheidung womöglich rückgängig machen, sagte Hariri. Auch kündigte er an, "in wenigen Tagen" nach Beirut zurückzukehren.

Zum Ende hin blickt Hariri mehrmals an der Moderatorin vorbei, als hinter ihr ein Mann mit einem Zettel in der Hand auftaucht. Es sind Szenen wie diese, die viele Zuschauer als Bestätigung für Hariris Fremdbestimmung sehen. Eine Karikatur der libanesischen Tageszeitung an-Nahar zeigt ein riesiges Auge, das Hariri im Nacken sitzt, während er die Fragen der Moderatorin beantwortet.

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Quelle:
SZ vom 14.11.2017
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