Libanon:Neue Flamme der Revolution

Libanon: In Beirut errichteten Einwohner Straßensperren aus brennenden Autoreifen.

In Beirut errichteten Einwohner Straßensperren aus brennenden Autoreifen.

(Foto: Marwan Tahtah/AFP)

Mit Straßenblockaden und Demonstrationen wehren sich die Menschen in Libanon gegen Inflation und steigende Benzinpreise. Erneut keimt Hoffnung auf eine politische Wende.

Von Philippe Pernot

Eine neue Revolution in Libanon ist es wohl noch nicht, eine Revolte in jedem Fall: Seit fünf Tagen blockieren die Einwohner des Landes am Mittelmeer die Straßen, organisieren Sit-ins, stürmen Banken und öffentliche Gebäude. Am Mittwoch gingen die Beamten landesweit in einen Streik, der sieben Tage dauern soll, auch die Taxi- und Busfahrer kündigten Streiks an. Präsident Michel Aoun warnte vor dem "bevorstehenden Chaos" und befahl Härte vonseiten der Armee. Dutzende Menschen im ganzen Land wurden am Wochenende bei Auseinandersetzungen verletzt, als sich die Soldaten ihnen entgegenstellten.

Ein klares Ziel der Proteste gibt es bisher nicht, doch sind ihre Ursachen bekannt. "Die Leute entfesseln spontan ihre Wut gegen die mafiösen Eliten, die ihr Leben zur Hölle gemacht haben", sagt Tarek Ammar, Marketingberater und Aktivist. Als Gründungsmitglied der unabhängigen Partei Beirut Madinati (Beirut, meine Stadt) befürwortet er die aktuellen Aktionen und beklagt die "unmöglichen" Lebensbedingungen im Land. "Uns ging es während des Bürgerkriegs besser! Heute ist jeder Moment des Alltags eine Erniedrigung", erzählt er am Telefon. Neben seinem Büro werde eine Tankstelle regelrecht belagert. Drei Stunden stehen die Menschen in der Schlange, um einige Liter Benzin oder Diesel zu ergattern. Ebenso schwierig ist es, an Medizin, Bargeld oder Lebensmittel zu kommen.

Wegen der Inflation von 120 Prozent ist ein Dollar seit Samstag 18 000 libanesische Pfund wert - vor der Krise waren es 1500. Das und die offizielle Erhöhung der Benzinpreise, die gegen den Mangel helfen sollte, lösten am Wochenende die Proteste aus. Vom Norden bis zum Süden blockierten Autofahrer spontan die Hauptstraßen. In Tripoli, zweitgrößte aber auch ärmste Stadt Libanons, versuchten Menschen am Samstagabend, mehrere Banken zu stürmen, um ihre Ersparnisse zu sichern. Am Mittwoch gab es den Versuch, ein Elektrizitätswerk zu besetzen. Soldaten gaben Warnschüsse in die Luft ab, als die Armee in die Altstadt einrückte.

In der Stadt Sidon im Süden des Landes wollten am Wochenende wütende Bürger die Gebäude des Wasseramts und der Zentralbank besetzen. Die Armee hinderte sie daran. In der Hauptstadt Beirut brannten Reifen auf dem zentralen Märtyrerplatz, am Montag stürmten die Mitglieder einer NGO eine Bank, um 200 000 Dollar ihrer Ersparnisse abzuheben. Die Straßenblockaden gehen weiter, in vielen kleineren Städten werden Sit-ins und Versammlungen abgehalten.

Beirut liegt in Trümmern und im Dunkeln

"Die Form der Proteste hat sich verändert, aber die Flamme der Revolution ist noch da", sagt Tarek Ammar von Beirut Medinati. Thawra, Revolution, werden die massiven Demonstrationen genannt, die im Oktober 2019 zum Sturz der Regierung von Saad Hariri führten. Die Euphorie endete kurz danach: Die Wirtschaftskrise verschlimmerte sich, dann kam Corona, dann die Explosion im Hafen Beiruts. Heute liegt die Wirtschaft in Trümmern und das Land im Dunkeln. Immer wieder fällt der Strom aus, Anfang der Woche war es besonders schlimm, nur zwei bis sechs Stunden am Tag lief die Versorgung - darunter leiden auch Krankenhäuser oder Polizei.

"Die Leute haben keine Energie mehr für Revolution, denn jeder Tag ist ein endloser Kampf", seufzt Hala Moughanie. Sie ist Schriftstellerin und Beraterin, nebenbei engagiert sie sich für die unabhängige Partei Bürger und Bürgerinnen in einem Staat. "Was hat die Revolution gebracht? Was ist heute von ihr übrig?", fragt sie. Tatsächlich ist das Land seit zehn Monaten ohne Regierung, weil es an der Verteilung der Regierungsposten an die verschiedenen Parteien und Religionsgemeinschaften hakt, die von der Verfassung vorgeschrieben ist.

"Es gibt keinen Kapitän an Bord, und das Schiff sinkt. Die alten Eliten hoffen auf eine Rettung von außen", sagt sie und meint damit die internationale Gemeinschaft, die das politische System Libanons nach dem Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 so eingerichtet hätte, um sich "Teile des Kuchens" zu sichern. "Das konfessionelle System war von Anfang an korrupt. Es ist ein Wunder, dass es so lange gedauert hat, bis es zusammenbrach."

Die derzeitigen Proteste sieht sie als "berechtigte und spontane Reaktion von Bürgern", aber nicht als Bewegung, die langfristig etwas bewirken könne. "Wir brauchen eine Änderung innerhalb des politischen Systems", deswegen versucht ihre Partei, Bürger und Politikerinnen für einen Systemwechsel zu gewinnen. Sie erhofft sich eine neue Staatsform - säkular, nicht konfessionell, zentralistisch.

Tarek Ammar von Beirut Madinati stimmt zu, doch gibt ihm das Aufblühen der Proteste mehr Hoffnung: "Wir sind nur einige Schritte vom Generalstreik und von den Massenmobilisierungen entfernt, die das Regime stürzen werden", sagt er.

© SZ/vgr
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