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Proteste in Libanon:Generation ohne Hoffnung

Anti-government demonstrators take pictures of a metal sculpture spelling out the word 'revolution' topped by flames during a protest as Lebanese mark one year since the start of nation-wide protests, near Beirut's port

Auch vor dem bei der Explosion im August zerstörten Hafen demonstrierten die Libanesen.

(Foto: Mohamed Azakir/Reuters)

Die Jungen wollten ihr Land von Korruption und Klientelismus befreien. Nach einem Jahr Massenprotesten haben viele resigniert - und gehen ins Ausland.

Von Moritz Baumstieger

Zwei kleine Bilder ihrer Freundin Heba waren es, die eine Nutzerin namens Mayy am Freitag auf Twitter veröffentlichte. Einmal sah man die junge Frau von vorne, optimistisch lächelnd, die Finger zu einem Victory-Zeichen geformt. Und einmal von hinten, einen Trolley schiebend, schwer bepackt mit vier Koffern. Zwischen beiden Fotos liegt genau ein Jahr - und weil sie die Stimmung vieler in Libanon recht gut zusammenfassen, wurden sie hundertfach geteilt.

Auf dem ersten Bild, aufgenommen am 17. Oktober 2019, stand jene Heba in der Innenstadt Beiruts. Zehntausende hatten an diesem Tag dort demonstriert. Aus dem spontanen Protest sollte sich eine Bewegung formen, die bis heute eine Generalinventur der libanesischen Politik fordert.

Auf dem zweiten Bild bewegt sich Heba auf den Sicherheitsbereich des Beiruter Flughafens zu, um ihre Heimat zu verlassen. "Auf der Suche nach einem besseren Leben woanders", steht daneben - die Hoffnung von 2019, aus dem eigenen Land ein lebenswerteres machen zu können, haben viele aufgeben. Sie versuchen, legal mit dem Flugzeug ins Ausland zu kommen oder illegal mit Booten, etwa nach Zypern, wo seit Wochen die Zahl der Ankömmlinge aus Libanon steigt.

Am Samstag, dem ersten Jahrestag der Massendemonstrationen in Libanon, kamen dennoch Zehntausende in Beirut und anderen Städten zusammen. Die Losung "Kul yani kul!" - Alle bedeutet alle! - war wieder auf Transparenten zu lesen, mit der die Demonstranten den Rückzug der politischen Klasse fordern. Doch während die Demonstranten 2019 dieser Maximalforderung zumindest in kleinen Schritten näher kamen, droht zum Jubiläum ein Trip zurück in die Vergangenheit.

Als der Druck der Straße zu groß wurde, trat am 29. Oktober 2019 der Premierminister zurück. Nicht zum ersten Mal: Saad Hariri hatte sein Amt in seiner Politkarriere schon mehrfach abgegeben, um dann wieder an die Macht zurückzukehren. Diesmal aber schien seine Zeit im "Großen Serail", dem Regierungssitz, endgültig vorbei: Als Pläne der Regierung bekannt wurden, die maroden Staatsfinanzen durch die Einführung einer Steuer auf die Nutzung des Kurznachrichtendienstes Whatsapp zu stützen, hatten die Bürger genug.

Während ihr Alltag von unzähligen Unzumutbarkeiten geprägt war - die nicht funktionierende Müllentsorgung und Stromversorgung waren nur die augenscheinlichsten - häufte die politische Klasse Reichtümer an. Bald forderten die Demonstranten einen Umbau des politischen Systems, das einmal eine Teilung der Macht zwischen den Religionsgruppen ermöglichen sollte, aber zu Korruption und Klientelismus führte.

Die Nachrichten zu verfolgen, sei wie sich langsam zu vergiften, sagt ein arbeitsloser Akademiker

Die Sorgen von Oktober 2019 erscheinen heute klein. "Die Nachrichten in Libanon zu verfolgen, ist wie sich langsam selbst zu vergiften", sagt Samer Hajji der SZ. "Jeden Tag eine weitere kleine Dosis". Vor einem Jahr war der junge arbeitslose Akademiker täglich bei den Protesten, inzwischen hat er resigniert. Den Jahrestag, sagt er, habe er kaum wahrgenommen.

Was auf die ersten Erfolge wie den Rücktritt Hariris folgte, war tatsächlich niederschmetternd: Die Beiruter Eliten einigten sich auf ein Kabinett unter dem kaum bekannten Hochschullehrer Hassan Diab, der nun eine schlechte Nachricht nach der anderen unters Volk bringen musste. Die auf einem Schneeballsystem fußende Finanzpolitik Libanons brach zusammen, die Banken froren die Guthaben der Bürger ein, die an den Dollar gekoppelte Währung implodierte. Libanon konnte erstmals in seiner Geschichte seine Schulden nicht mehr bedienen.

Während Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds über Kredite scheiterten, vernichtete ein coronabedingter Lockdown Arbeitsplätze und Existenzen. Der Hunger kehrte ins Land zurück, die UN rechneten damit, dass bald mehr als 50 Prozent der Bevölkerung von Armut betroffen sein könnten. Dann explodierten am 4. August 2020 im Hafen Beiruts 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, das jahrelang inmitten der Hauptstadt gelagert worden war.

Wer wie Samer Hajji zumindest leise gehofft hatte, dass Spitzenpolitiker nach der Explosion Verantwortung übernehmen würden, wurde enttäuscht. Ein entschieden auftretender Emmanuel Macron ging zwar bei zwei Besuchen in Beirut hart mit der Staatsführung ins Gericht, der Präsident der früheren Mandatsmacht Frankreich diktierte einen mit konkreten Fristen verbundenen Reformplan.

Während die meisten Parteien zumindest nach außen hin ihre Unterstützung für die Initiative betonten, ließen die beiden schiitischen Gruppen Amal und Hisbollah den Kandidaten für das Premiersamt auflaufen, der ein Expertenkabinett formen sollte.

Präsident Michel Aoun, der Wochen vor der Explosion vor dem gefährlichen Gut im Hafen gewarnt wurde, zog auch nach der Katastrophe nie einen Rücktritt in Erwägung. Den Demonstranten, bei denen er verhasst ist, versicherte er zum Jahrestag "seine volle Solidarität" und seine Hoffnung, dass Libanon bald wieder eine Regierung bekomme. Aussichtsreichster Kandidat für das Premiersamt derzeit: Saad Hariri, der vor einem Jahr zurückgetreten war.

© SZ vom 19.10.2020
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