Libanon:Verloren im Bürokratielabyrinth

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Die Überforderung zeigt sich auch in der Bürokratie. Sechs Schritte sind notwendig, um ein syrisches Neugeborenes in Libanon zu registrieren. Viele Flüchtlinge leben in abgelegenen Zelten, sie wissen nichts von alldem.

Die Eltern brauchen einen Geburtsbescheid aus dem Krankenhaus, den müssen sie zusammen mit ihren Ausweispapieren und einer Heiratsurkunde dem Moukhtar, einem Notar, vorlegen. Danach: lokale Registrierungsbehörde, ausländisches Melderegister, Außenministerium. Und schließlich zur syrischen Botschaft in Beirut, um die Staatsangehörigkeit für das Kind zu bekommen. Doch viele scheuen den Besuch bei der Botschaft. Oft gelten Flüchtlinge als Vaterlandsverräter, vor allem die Männer, die Militärdienst ableisten müssten. Eine weitere Erschwernis ist die Zeit: Die ersten drei Registrierungsschritte müssen vor dem ersten Geburtstag des Kindes abgeschlossen sein.

Flitterwochen auf der Flucht

Bei Noura und Hussein Alouk fing das Chaos der Registrierung schon in Syrien an. Mitten im Bombenhagel von Homs hatte Hussein um Nouras Hand angehalten. Das syrische Regime belagerte gerade die Rebellenhochburg, ihr Vater sagte, heiratet, aber schaut, dass ihr hier wegkommt. Die Eheschließung staatlich zu registrieren, das schafften sie nicht mehr. "Früher hätte die Prozedur in Syrien höchstens zwei Stunden gedauert", sagt Noura und seufzt. Glaubt man ihren syrischen Personalausweisen, sind beide noch ledig. Dass sie geheiratet und zwei Kinder bekommen haben, ist nirgendwo festgehalten.

"Die Flucht nach Libanon hat mir mein Mann als Flitterwochen verkauft", sagt Noura und wirft Hussein einen spöttischen Blick zu. Ihr Mann grinst nur und zieht an seiner Zigarette. Dass ihre "Flitterwochen" fünf Jahre dauern würden, hätte sie nie gedacht, sagt Noura. Als Mohamed vor vier Jahren auf die Welt kam, wusste sie nichts von einer Registrierung. Sie waren erst wenige Monate in Libanon, zogen von Zeltstadt zu Zeltstadt, waren weit entfernt von großen Städten wie Beirut oder Tarablus und mit vielem überfordert. Ihr Mann ist Analphabet, sie kann zwar lesen und schreiben, hat aber mit neun Jahren die Schule verlassen.

Als Leila auf die Welt kam, hatten Noura und Hussein Alouk zwar von der Registrierung erfahren, trauten sich jedoch nicht, ihre Tochter anzumelden, weil sie es davor bei ihrem Sohn versäumt hatten. Außerdem fehlte ja die Heiratsurkunde. "Ich habe mir Sorgen gemacht, dass die Behörden dann denken, Leila ist meine Tochter und Mohamed nicht. Ich wollte keinen Unterschied zwischen den beiden machen", sagt Noura. Den Geburtsbescheid vom Krankenhaus haben sie immerhin, mehr aber auch nicht.

Die Hoffnung von Noura und Hussein Alouk liegt auf dem Asylantrag, den sie kürzlich für Norwegen gestellt haben. Sie bauen darauf, dass die Norwegische Flüchtlingshilfe ihnen bei der nachträglichen Registrierung ihrer Kinder helfen kann. Doch Hussein Alouk zweifelt. Er lehnt an der Zeltwand, zündet sich eine Zigarette an und sagt, das bringe doch alles nichts. Noura unterbricht ihren Mann energisch: "Das sagt er nur so, man darf die Hoffnung nicht aufgeben". Undenkbar, dass eine ganze Generation syrischer Kinder staatenlos aufwächst und man keine politische Lösung dafür findet. "Der Krieg darf nicht auch noch ihre Zukunft zerstören", sagt sie und zieht ihre Kinder auf den Schoß.

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