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Libanon:Warten auf den nächsten Knall

Zwei junge Männer sitzen in einem Hochhaus in Beirut, das von der Druckwelle der verheerenden Explosion am Hafen zerstört worden ist.

(Foto: Patrick Baz / AFP)

In Beirut wächst die Wut der Einwohner: Schuld an der verheerenden Detonation und an den desolaten Zuständen im Land sei die korrupte Machtelite. Die Stimmung ist explosiv.

Von Moritz Baumstieger, Beirut

Mit jedem Tag, der nach der verheerenden Detonation im Hafen vergeht, mehren sich in Libanons Hauptstadt die Stimmen, die vor einer weiteren Explosion warnen - einer Explosion der Wut. Denn viele Bürger fühlen sich im Stich gelassen. In der Nacht zu Freitag kam es zu ersten Straßenprotesten gegen die Regierung und zu Zusammenstößen mit Sicherheitskräften. Die Demonstranten versuchten, die Absperrungen zum Parlament zu durchbrechen und warfen mit Steinen. Die Polizei feuerte Tränengas und drängte die Menge zurück auf den Märtyrerplatz.

Für diesen Samstag gibt es Aufrufe zu einer Großdemonstration gegen die als korrupt empfundene politische Elite. Damit hoffen Aktivisten, an die Dynamik der Proteste vom vergangenen Herbst anzuknüpfen, bei denen sie einen grundlegenden Wandel des am Proporz der 18 anerkannten Religionsgruppen orientierten politischen Systems gefordert hatten.

Als Beleg für die Abgehobenheit der politischen Klasse werten viele Libanesen den Besuch von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Während sich dieser am Donnerstag mit Bewohnern im größtenteils zerstörten Viertel Gemmayzeh nahe dem Hafen traf, Hände schüttelte und sich umarmen ließ, wurden die wenigen libanesischen Politiker, die nach ihm in die verwüsteten Stadtteile kamen, von wütenden Bürgern weggejagt. Macron forderte tief gehende Reformen und einen neuen politischen Pakt für Libanon - was vielen Bürgern aus dem Herzen spricht, aber letztlich innere Angelegenheit des einstigen französischen Mandatsgebiets ist.

In den Straßen räumen Freiwillige mit Besen, Schaufeln und Rechen, mit Handschuhen oder teils auch ohne den Schutt und die Glassplitter beiseite, unterstützt von libanesischen und einigen französischen Feuerwehrleuten, auch das Technische Hilfswerk hat Bergungshelfer nach Beirut entsandt. "Warum helfen unsere Soldaten nicht? Es kann doch nicht sein, dass sie jetzt die Bankfilialen schützen und Demonstranten verprügeln, aber keine Nothilfe leisten", sagt Sarah Elzein, als sie die Nachricht von den Zusammenstößen vor dem Parlament erhält.

Elzein ist eine 40 Jahre alte Architektin, die in unmittelbarer Nähe zum Explosionsort lebt - "oder lebte, das trifft es besser", sagt sie. Während der Detonation war sie bei Verwandten im Norden des Landes, in der Nacht zu Freitag ist sie nach Beirut gekommen, um zu besichtigen, was von ihrer Wohnung übrig ist. "Nichts", fasst sie es in einem Wort zusammen.

"Die Verantwortung für all das trägt die korrupte Clique"

Die Meldung, dass 16 Mitarbeiter der Zoll- und Hafenbehörden verhaftet und weitere unter Hausarrest gestellt wurden, weckt bei ihr und anderen im Viertel Gemmayzeh gemischte Gefühle. Einerseits fordern die Menschen vehement, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden sollen dafür, dass bald sieben Jahre lang 2750 Tonnen der explosionsgefährdeten Chemikalie Ammoniumnitrat in direkter Nähe der Beiruter Innenstadt gelagert wurden. Und Sarah Elzein sagt: "Die Hafenbehörde mag schuld sein - doch die Verantwortung für all das trägt die korrupte Clique." Andererseits hat sie wie viele Libanesen kein Vertrauen in das Militärgericht, das die Katastrophe untersuchen soll. "Es gibt keine Institution mehr in diesem Land, die nicht irgendwie in die Korruption verstrickt ist", sagt sie - und fordert deshalb eine internationale Kommission, um die Schuldfrage zu klären. Der Präsidentenpalast erklärte, es werde untersucht, ob es sich um Fahrlässigkeit bei der Lagerung des Materials, einen Unfall oder einen Eingriff von außen handele - was laut Präsident Michel Aoun die Möglichkeit einer Rakete oder Bombe als Auslöser nicht ausschließe.

Die Hisbollah wies jede Verantwortung zurück.

Die Auffassung, dass die politische Elite Libanons eine Mafia sei, die das Land systematisch ausraubt und die Bürger sich selbst überlässt, hört man jetzt überall in Beirut - selbst ein Offizier der Garde des Präsidenten Michel Aoun äußert dies laut und völlig unverhohlen mitten im Präsidentenpalast Babdaa. Dann rechnet er vor: Sein Gehalt, das 2019 noch 1500 Dollar entsprach, sei wegen der horrenden Inflation nur noch 200 Dollar wert. "Wie soll ich davon auch nur annähernd meine Familie durchbringen?", fragt er. Auch die Aussagen von Frankreichs Präsident Macron im Gespräch mit der politischen Führung seien "sehr geradeaus" gewesen, sagte ein mit dem Inhalt vertrauter Diplomat der Süddeutschen Zeitung. Bundesaußenminister Heiko Maas forderte in der Saarbrücker Zeitung "echten Reformwillen" von der libanesischen Regierung.

Die Meinungen, welche Konsequenzen auf die Katastrophe folgen sollten, werden im Libanon schnell radikaler, das System wankt. "Sie alle sollen in Haft. Mindestens", sagt die Architektin Elzein vor den Trümmern ihres zerstörten Hauses. Die für Samstag angekündigte Protestkundgebung steht unter dem Motto "Hängt sie an den Galgen!"

© SZ vom 08.08.2020/aner

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