Europawahl:Auf Fragen antwortet sie einfach

Lesezeit: 2 min

Li Andersson erfreut sich in Helsinki an ihrem „ziemlich schockierenden“, historisch guten Wahlergebnis. (Foto: Roni Rekomaa/dpa)

Li Andersson ist ein wichtiger Grund, warum Finnland bei dieser Wahl nicht weiter nach rechts rückt. Für ihren Erfolg hat die junge Linkspolitikerin eine einleuchtende Erklärung.

Von Alex Rühle

247 604 Stimmen. Für finnische Verhältnisse – 4,5 Millionen Wahlberechtigte, von denen etwas mehr als 42 Prozent bei der EU-Wahl ihre Stimme abgaben – ist das ein spektakulärer Rekord. Hier zwei Vergleiche, um die Größe von Li Anderssons Triumph zu illustrieren: Die bisherige Vorsitzende der Linkspartei erhielt als Einzelperson 13,5 Prozent aller Stimmen. Wäre sie eine Partei, sie hätte hinter der rechtskonservativen Regierungspartei Kokoomus (24,8 Prozent) und der SDP (14,9 Prozent) den dritten Platz belegt. 

Was aber machte Li Andersson, als am Wahlabend diese Zahl verkündet wurde? Sie sagte lachend, das sei „ziemlich schockierend“, und sprach dann über Inhalte, freundlich und zugewandt im Ton, konzentriert in der Sache: Sie wolle in Brüssel Arbeitnehmerrechte stärken, Umwelt und Klima trotz all der anderen drängenden Themen bloß nicht aus dem Blick verlieren, und eine „moderne Linksfraktion“ im Parlament schaffen, was bedeutet: klare Kante gegen Putin statt verkrusteten Altkaderdenkens. 

Das Besondere an diesem wie an all ihren Auftritten: Wenn Li Andersson spricht, nutzt sie dazu nie das phraseologische Sperrholz, aus dem so viele Politiker ihre Reden grob zusammenzimmern. Als sie später am Abend gefragt wurde, wie sie sich ihren enormen Erfolg erkläre, sagte sie: „Vielleicht liegt es daran, dass ich auf Fragen wirklich antworte?“

Mit gerade mal 37 Jahren gibt sie die Parteiführung schon wieder ab

Andersson, geboren 1987 als Tochter eines Künstlers und einer Journalistin, ging früh in die Politik. Seit 2015 saß sie für die Vasemmistoliitto (Linke Allianz) im Parlament. 2016 wurde sie zu deren Vorsitzender gewählt – und sagte jetzt, gerade mal 37 Jahre alt, es sei Zeit, dass mal jemand anderer das Ruder übernehme. Sie war eine der Famous Five, zu denen die internationalen Medien die fünf weiblichen Parteivorsitzenden der Regierungskoalition unter der Sozialdemokratin Sanna Marin hochjazzten. Während Marin nach ihrer Abwahl aber vollständig in den internationalen Aufmerksamkeitszirkus umgezogen zu sein scheint und auf Instagram Bikinibilder postet, machte sich Andersson, die unter Marin Erziehungsministerin war, über all den medialen Rummel immer eher lustig.

Europawahlen
:Kein Rechtsruck im Norden

In Finnland, Dänemark und Schweden schneiden die Rechtspopulisten weniger gut ab als in anderen Ländern.

Von Alex Rühle

In einem Fragebogen schrieb Andersson mal auf die Frage nach ihren wichtigsten Eigenschaften: „Fleißig, wissbegierig, positiv.“ Alle drei Eigenschaften zeigte sie allein im vergangenen halben Jahr: Sie kandidierte im Januar für das Präsidentschaftsamt, beendete ihre Dissertation zur Frage, ob Staaten Asylanträge aus Gründen der nationalen Sicherheit einschränken können (für Finnland momentan vielleicht die drängendste Frage, schließlich schickt Russland immer wieder Migranten an die Grenze, die ohne gültige Papiere Asyl beantragen, und lief am Tag vor der EU-Wahl noch schnell zwischen letzten Wahlkampfauftritten und Eröffnung eines Familienkarnevals einen Halbmarathon in zwei Stunden 22 Minuten.

Innerhalb der Linken-Fraktion in Brüssel wird sie, die ihre finnischen Parteifreunde nach dem russischen Überfall der Ukraine 2022 ziemlich zügig ins Lager der Nato-Befürworter geführt hat, bestimmt für interessante Diskussion sorgen. Während viele Linke einen sofortigen Friedensschluss fordern, sagt Andersson, solange Putin an der Macht sei, „können wir die Gefahr eines Krieges in Europa nicht ausschließen. Weshalb wir die Ukraine nicht nur unterstützen müssen – auch mit Waffen –, sondern auch über Fragen der Verteidigung nachdenken müssen“.

In Finnland sagen ihr viele eine große Karriere in Brüssel voraus. Sie selbst sagt, ob sie länger als eine Wahlperiode bleiben werde, müsse sich erst noch weisen. Schließlich seien ihre Eltern in Finnland. Außerdem – sie zieht ja mit ihrem Mann, einem ehemaligen Eishockeyprofi und Philosophen, und der gemeinsamen dreijährigen Tochter nach Brüssel. „Da will ich erst mal sehen, ob man abends zu halbwegs vernünftigen Zeiten zur Familie kann.“

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusUngarn
:„Ein echter Wendepunkt“

Der politische Newcomer Péter Magyar hat bei der Europawahl in Ungarn aus dem Stand dreißig Prozent der Stimmen geholt. Die Partei von Viktor Orbán gibt sich unbeeindruckt.

Von Cathrin Kahlweit

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: