Lettland führt den Euro ein:"Das ist unser Geld, nicht anderer Leute Geld"

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Solcher Eifer ist wie so vieles in Lettland nur erklärlich aus den traumatischen Erfahrungen der Unterdrückung im russischen Zarenreich und in der späteren Sowjetunion. Nach dem Umsturz von 1989 sowie dem Beitritt zu EU und Nato 2004 ist nun die Einführung des Euro "eine weitere Versicherung gegen die Risiken, die unsere doch sehr schwankenden Beziehungen zu Russland mit sich bringen", erklärte unlängst Außenminister Edgars Rinkēvičs. "Das Wichtigste ist, zu einer europäischen Struktur zu gehören, die unsere Sicherheit garantiert", sagt auch Professor Ivars Ījabs, Politologe an der Universität in Riga. "Der lange Schatten Russlands ist der wichtigste Faktor in der lettischen Politik."

Weil sie ihre Eigenständigkeit so lieben, fällt freilich den Letten gleichzeitig der Abschied vom Lats recht schwer, denn der war ja auch ein Symbol dieser Eigenständigkeit. Er wurde erstmals nach der Unabhängigkeit von 1918 eingeführt, im Zweiten Weltkrieg und im Sowjetsystem dagegen unterdrückt. 1993 kehrte er zurück. Nur zwanzig Jahre konnten sich die Letten der jungen und mittleren Generation also einer eigenen Währung erfreuen, man sagt deshalb Adieu nicht ohne Melancholie. "Das ist unser Geld, nicht anderer Leute Geld", meint zum Beispiel die 21-jährige Liga Petrovska, die auf dem malerischen Zentralmarkt von Riga Süßigkeiten verkauft. "Der Lats ist unsere nationale Währung, und das war sehr gut", pflichtet ihr eine Nachbarin bei. "Wir wissen nicht, was kommt."

Die Skepsis wird bestätigt in Umfragen, in denen nur ein Drittel der Beteiligten zum Euro wirklich Ja sagt. Die Unternehmen hingegen, vor allem ausländische Investoren, sind "ziemlich einhellig dafür", berichtet Maren Diale-Schellschmidt, geschäftsführender Vorstand der Deutsch-Baltischen Handelskammer. "Es ist vor allem ein psychologisches Signal nach außen." Tränen werden wohl zur Jahreswende nicht fließen, in der Silvesternacht ist vielmehr in Riga ein großes Feuerwerk geplant. Die neuen Euro-Münzen mit Mildas Konterfei, die übrigens die Staatliche Prägeanstalt in Stuttgart produziert hat, wurden ebenso wie die Banknoten bereits in den vergangenen Wochen an Banken und Firmen verteilt.

Im Internet kursiert seit geraumer Zeit ein Abschiedsliedchen, das die Stimmung wiedergibt: "Danke, kleiner Lats."

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