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Ausschreitungen in Leipzig:Flaschenwürfe, Pyrotechnik und brennende Barrikaden

Demonstration nach Räumung von besetztem Haus

Teilnehmer einer Demonstration ziehen am Samstagabend mit roten Pyro-Fackeln durch den Leipziger Stadtteil Connewitz.

(Foto: dpa)

Leipzig erlebte nach der Räumung eines besetzten Hauses seine dritte Krawallnacht in Folge. Sachsens Ministerpräsident Kretschmer verurteilt die gewaltsamen Proteste "aufs Schärfste".

Antonie Rietzschel, Leipzig

Das Dröhnen des Polizeihubschraubers ist den Anwohner des Leipziger Stadtteils Connewitz vertraut und verhasst zugleich. Manche sollen sich sogar schon Geschichten für die Kinder ausgedacht haben, darin heißt der Helikopter "Thomas". Am vergangenen Wochenende kreiste der Polizeihubschrauber stundenlang über Connewitz. Leipzig erlebte nach der Räumung eines besetzten Hauses seine dritte Krawallnacht in Folge. Zwei davon spielten sich in Connewitz ab. Dessen Bewohner wehren sich besonders heftig gegen steigende Mieten und Verdrängung. Nicht selten passiert das friedlich. Doch immer wieder kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen.

Am Freitagabend fanden sich Polizeiangaben zufolge bis zu 300 Menschen zu einer spontanen Demonstration zusammen. Sie bewarfen Beamte mit Steinen, Pyrotechnik sowie Flaschen und zündeten Barrikaden an. Nach 45 Minuten war alles vorbei.

Eine für Samstagabend angemeldete Kundgebung blieb zunächst friedlich. Doch als sich der Protestzug in Bewegung setzte, dauerte es nicht lange bis Vermummte die ersten Bengalos zündeten. Gewalttätige Demonstranten bewarfen die Fassaden eines Neubaus mit Steinen, zertrümmerten eine Scheibe. Eine brennende Leuchtfackel landete auf einem Balkon. Zwei Polizisten wurden bei dem Einsatz verletzt. Gegen 15 Personen wird derzeit unter anderem wegen Landfriedensbruch ermittelt. Trotz Auflösung der Demonstration versammelten sich in der Nacht erneut mehrere Menschen im Viertel, besprühten eine Straßenbahn mit Graffiti, zündeten Mülltonnen an. Grund der Proteste ist die Räumung eines besetzten Hauses in Neustadt-Neuschönefeld. Das Stadtviertel im Leipziger Osten ist aufgrund günstiger Mieten besonders bei Studenten beliebt. Wohnraum wird aber auch hier knapp.

Ende August hatten Aktivisten der Gruppe "Leipzig besetzen" ein seit 20 Jahren leer stehendes Gebäude in Beschlag genommen. Ein vereinbarter Gesprächstermin mit dem Eigentümer war geplatzt. Vergangene Woche räumte die Polizei das Haus ohne größeren Widerstand der Besetzer. Anschließend riefen Aktivisten zu einem spontanen Protestmarsch auf, um "die Wut über die Räumung, zu hohe Mieten und Verdrängung auf die Straße zu tragen".

Daraufhin kam es im Leipziger Osten zu Ausschreitungen, die sich am Wochenende in Connewitz fortsetzten. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) verurteilte die Krawalle "aufs Schärfste". Die Debatte um bezahlbaren Wohnraum habe einen schweren Rückschlag erlitten, sagte er. Der sächsische Ministerpräsident und CDU-Politiker Michael Kretschmer schrieb bei Twitter, von "üblen Gewalttätern, die sich hinter politischen Forderungen verstecken". Ihnen müsse das Handwerk gelegt werden. Innenminister Roland Wöller (CDU) kündigte an, sich stark machen zu wollen für härtere Strafen bei Angriffen gegen Beamte. Die Leipziger Polizei bereitet sich derweil auf das kommende Wochenende vor. Linksradikale Gruppen rufen zu "kritischen Aktionstagen" auf.

© SZ.de/hij
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