Lehrermangel in der Schweiz:Unterrichten? Geht zur Not auch ohne Abitur

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Lehrermangel in der Schweiz: Schülerinnen und Schüler in der Schweiz werden in diesem Jahr auch von Quereinsteigern ohne pädagogische Ausbildung unterrichtet.

Schülerinnen und Schüler in der Schweiz werden in diesem Jahr auch von Quereinsteigern ohne pädagogische Ausbildung unterrichtet.

(Foto: Davide Agosta/dpa)

Wie Deutschland leidet die Schweiz unter Lehrermangel. Doch um Unterrichtsausfall zu vermeiden, gehen einige Kantone viel weiter als die Bundesländer - und werben auch in Deutschland um Personal.

Von Paul Munzinger, München, und Isabel Pfaff, Bern

Die Online-Anzeige auf dem deutschen Newsportal kommt gleich zum Punkt. "Der Aargau (Schweiz) sucht Lehrpersonen. Interessiert?" Dazu eine Telefonnummer und ein Link, der direkt zu den Stellenangeboten an Aargauer Schulen führt. Man kann sich auf Stellvertretungen, aber auch auf unbefristete Stellen bewerben, häufig auch ohne abgeschlossenes Studium. "Wünschenswert" sei eine Ausbildung als Primarlehrperson, schreibt eine Schule, die jemanden für ein halbes Jahr sucht. Selbst für eine unbefristete Stelle als Primarlehrerin reicht es vorzuweisen, dass man sich gerade ausbilden lässt.

Die Schweiz, das goldene Land mit den hohen Löhnen und den guten Arbeitsbedingungen: Mit diesem Versprechen locken Schweizer Arbeitgeber also nicht mehr nur deutsche Pflegekräfte ins Nachbarland, sondern auch Lehrerinnen und Lehrer - selbst solche, die noch kein Examen haben.

Der Mangel an qualifiziertem Lehrpersonal ist in weiten Teilen der Schweiz massiv. Anfang August, zum Schulbeginn in den ersten Kantonen, schlug Dagmar Rösler, die Präsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, Alarm: "Unsere Bildungsqualität ist in Gefahr", warnte sie. Der Lehrkräftemangel habe sich weiter verschärft, kurz vor den Sommerferien seien in vielen Kantonen noch Hunderte Stellen offen gewesen. Dass nun Positionen mit nicht oder nur teilweise qualifiziertem Personal besetzt wurden, sei "eine Verzweiflungstat und hochproblematisch". In Interviews legte Rösler nach: "Als Mutter würde ich mir Sorgen machen."

Für die deutschen Kultusminister dürften die Probleme der Schweiz bedrohlich und beruhigend zugleich sein. Bedrohlich, weil der zahlungskräftige Nachbar im Südwesten den Wettbewerb um Personal noch verschärft, den die Länder sich ja schon untereinander liefern. Beruhigend, weil offensichtlich nicht nur die deutsche Bildungspolitik an der Aufgabe scheitert, so viele Lehrkräfte auszubilden wie gebraucht werden. Zum Start ins neue Schuljahr klaffen in vielen Bundesländern große Lücken. Der Deutsche Lehrerband schätzt, dass 30 000 bis 40 000 Stellen nicht besetzt werden können. Sachsens Kultusminister kündigte bereits "erheblichen planmäßigen Unterrichtsausfall" an.

Die Babyboomer gehen in Pension

Tatsächlich sind die Rahmenbedingungen in Deutschland und der Schweiz ähnlich. Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge gehen in Pension, gleichzeitig werden geburtenstarke Jahrgänge eingeschult. Berlin und andere Bundesländer vermeldeten zum Schuljahresbeginn Rekordzahlen. Besonders betroffen vom Lehrermangel sind deshalb die Grundschulen in Deutschland - ähnlich wie in der Schweiz, wo es vor allem die Volksschule, also Primarstufe und Sekundarstufe 1, trifft. Verschärft wird die Lage hier wie dort durch den Krieg in der Ukraine. In vielen Klassen sitzen geflüchtete Kinder, die besonderen Förderbedarf haben.

Die deutschen Kultusminister finden inzwischen sogar selbst dramatische Worte für die Lage, die sie ja selbst verantworten. "Keine Denkverbote" dürfe es mehr geben, diese Losung hat Karin Prien ausgegeben, Kultusministerin in Schleswig-Holstein und Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Nachdenken lasse sich etwa darüber, das Zwei-Fächer-Prinzip weiter aufzuweichen und Aufgaben, die bisher Lehrkräfte übernehmen, in die Hände von Schulsozialarbeitern zu legen. Diskutiert wird auch über strengere Regeln, um die hohe Teilzeitquote von 40 Prozent zu senken, und über großzügigere Regeln, um den Seiten- und Quereinstieg in die Schule zu erleichtern. Bei allen Unterschieden zwischen den Bundesländern: Ein Studienabschluss ist überall Pflicht, ebenso ein Referendariat oder berufsbegleitende Qualifizierungsmaßnahmen.

Die Schweiz geht da schon einen großen Schritt weiter. In mehreren Kantonen stehen im neuen Schuljahr Laien vor den Klassen, die keine pädagogische Ausbildung haben und sie auch nicht nebenbei nachholen. Beispiel Bern: In dem nach Zürich bevölkerungsreichsten Kanton haben laut einem Sprecher des Bildungsministeriums mehr als 1500 von insgesamt 15 000 Volksschullehrern kein Lehrdiplom, also rund 10 Prozent. Dort dürfen Quereinsteiger schon seit Jahren ohne größere Hürden unterrichten - egal, ob sie sich nebenbei ausbilden lassen oder nicht.

Das kantonale Gesetz sieht lediglich vor, dass diese Lehrkräfte bis zu 20 Prozent weniger Lohn bekommen und dass sie "in der Regel" die Auflage erhalten, das Diplom in "angemessener Frist" zu erwerben. "Wir vertreten ganz klar die Position, dass auch Personen ohne Ausbildung eine wichtige Rolle bei der Linderung des Lehrermangels spielen, sich aber parallel zum Einstieg ausbilden lassen sollten", sagt der Sprecher aus Bern.

Im Kanton Zürich ist der Mangel an Lehrpersonen so groß, dass die Gemeinden dieses Jahr zum ersten Mal Laien einstellen dürfen - zwar befristet auf ein Jahr, aber dafür brauchen diese Lehrkräfte nicht einmal Abitur. Laut Zürcher Bildungsministerium unterrichten im Volksschulbereich aktuell 400 von insgesamt 18 000 Lehrkräften ohne Diplom, gute zwei Prozent.

In der französischsprachigen Schweiz ist die Lage weniger dramatisch

Im Aargau, wo man per Inserat deutsche Lehrer abzuwerben versucht, können sie nicht sagen, wie viele Stellen aktuell mit nicht ausreichend qualifiziertem Personal besetzt werden mussten. Auswahl und Anstellung der Lehrkräfte ist Sache der Gemeinden - und die hängen ihre Notlösungen in der Regel nicht an die große Glocke. Dass es dem Kanton an Lehrkräften fehlt, räumt eine Sprecherin des Bildungsdepartements jedoch ohne Umschweife ein. Die Inserate in Deutschland seien aber nur ein Instrument, um den Mangel zu lindern; der Kanton habe auch neue Programme für Quereinsteiger geschaffen und die Löhne so angepasst, dass Jüngere rascher mehr verdienen.

Auffällig ist, dass die Lage in der französischsprachigen Schweiz weniger dramatisch zu sein scheint als in den Deutschschweizer Kantonen. Ein Grund könnte die Teilzeitquote sein: In Solothurn, Bern oder dem Aargau beträgt der durchschnittliche Beschäftigungsgrad weniger als 60 Prozent. In der Romandie arbeiten Lehrerinnen und Lehrer im Schnitt deutlich mehr - allerdings nicht immer freiwillig. In Genf etwa gilt für Lehrkräfte ein Mindestpensum von 50 Prozent. "Keine Denkverbote": In der Schweiz scheinen einige Kantone dieser Losung längst zu folgen.

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