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Lehren aus dem Ersten Weltkrieg:Wie schnell Politik extrem schief laufen kann

Versucht die Geschichte uns etwas mitzuteilen, und wenn ja, was ist es? Im Sommer 2008, nach einem kurzen Krieg zwischen Russland und Georgien um Südossetien, behauptete der russische Botschafter bei der Nato, Dimitrij Rogosin, er erkenne in dem Drama, das sich im Kaukasus entfalte, Parallelen zur Juli-Krise von 1914.

Er formulierte sogar die Hoffnung, dass der georgische Präsident, den er als Aggressor betrachtete, nicht als der neue Gavrilo Princip in die Geschichtsbücher eingehen würde. Er meinte damit den jungen bosnischen Serben, der den österreichischen Thronfolger und seine Frau am 28. Juni 1914 erschossen hatte.

Nach diesen Morden mischte sich Russland in den Konflikt zwischen Serbien und Österreich-Ungarn ein - und verwandelte so einen regionalen Konflikt in einen Weltkrieg. Was also, wenn es Georgien gelingen würde, Unterstützung der Nato zu erhalten? Könnte dann das Gleiche noch einmal passieren? Aus diesen dunklen Vorzeichen ist nie Wirklichkeit geworden.

Die Nato war schlauer, als sich von dem hitzköpfigen Präsidenten Michail Sakaschwili einspannen zu lassen. Nach einer moderaten Machtdemonstration der USA im Schwarzen Meer ebbte die Krise ab. Georgien wurde nicht das Serbien des frühen 21. Jahrhunderts, die Nato nicht das zaristische Russland und Präsident Sakaschwili wurde nicht zum neuen Gavrilo Princip.

Rogosin hatte mithilfe eines schrägen Vergleichs versucht, einen historischen Bezug zur Gegenwart herzustellen. Das war jedoch kein redlicher Ansatz zu einer geschichtlich begründeten Prognose. Es war vielmehr eine Warnung an den Westen, sich aus dem Konflikt herauszuhalten. Die Warnung war so historisch unpräzise wie hermeneutisch leer.

Selbst in weniger manipulativen Händen entziehen sich historische Analogien oft einer unzweideutigen Interpretation. Das liegt nur zum Teil daran, dass Vergangenheit und Gegenwart niemals perfekt, ja meist noch nicht einmal ungefähr ineinanderpassen. Problematischer noch ist, dass die Bedeutung von Ereignissen in der Vergangenheit ebenso schwer zu fassen und ebenso sehr Ansichtssache sind wie ihre Bedeutung in der Gegenwart.

Das wird am Beispiel Chinas deutlich. Ist das heutige China eine Entsprechung des kaiserlichen Deutschland von 1914 wie oft behauptet wird? Selbst wenn wir uns dafür entscheiden, dass es so ist - welche Lehren sollten wir daraus ziehen?

Wenn wir mal annehmen würden, dass es vor allem die deutsche Aggression war, die den Ersten Weltkrieg auslöste, lässt das den Schluss zu, dass die USA heute eine harte Position gegenüber Zumutungen aus China einnehmen sollten?

Wenn man jedoch - so wie ich es tue - den Krieg von 1914 bis 1918 als eine Folge von Interaktionen zwischen einer Vielzahl von Mächten ansieht, von denen jede einzelne bereit war, Gewalt anzuwenden, um die eigenen Interessen durchzusetzen, dann könnten wir auch schlussfolgern, dass wir bessere Methoden entwickeln müssen, um neue große Mächte in das internationale System zu integrieren.

1914 war JFK eine Warnung

Letztlich bleibt 1914 eine Warnung (etwa für Präsident John F. Kennedy während der Kuba-Krise 1963). Dieses Jahr erzählt viel davon, wie extrem schief internationale Politik laufen kann, wie schnell alles gehen und was es für furchtbare Konsequenzen nach sich ziehen kann. Es ist daher wichtig, dass wir manipulative oder reduzierende Interpretationen der Vergangenheit infrage stellen - immer dann nämlich, wenn sie bemüht werden, um tagespolitische Ziele zu erreichen.

Die Besinnung auf die Geschichte ist dann erhellend, wenn wir verstehen, dass unsere Gespräche über die Vergangenheit ergebnisoffen geführt werden müssen - ebenso wie das bei unseren Reflexionen über die Gegenwart der Fall sein sollte.

Geschichte ist immer noch die "Lehrerin des Lebens", wie Cicero einmal behauptet hat. Sie ist zwar der Zukunft gegenüber blind, aber wir haben keine andere. Und sie ist eine exzentrische Lehrerin.

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© SZ vom 30.01.2014/odg
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