Legida-Protest in Leipzig:Die Teilnehmer in Leipzig: Verschwörungstheoretiker, empörte Rentner

Um Islamisierung oder gar den Terror von Paris geht es nur am Rande - auch unter den Teilnehmern. Da steht zum Beispiel ein junger Mann aus Leipzig mit einem riesigen Transparent, das das Ende der Russland-Sanktionen fordert. "Ich bin eigentlich nur wegen dem Elsässer hier", sagt er, "das mit der Islamisierung ist gar nicht das größte Problem, finde ich." Sondern? Die Abhängigkeit von "den Amis". Der junge Mann wünscht sich eine engere Kooperation Deutschlands mit den BRIC-Staaten, allen voran Russland.

Oder Ingeborg, 67 Jahre, und ihr Mann Wolfgang, 66 Jahre. Die beiden Rentner sind gekommen um "einfach mal zu gucken". Und ärgern sich in erster Linie über die Gegendemonstranten, die den Weg zur Legida-Kundgebung blockieren. "Ich habe dieses Land mit aufgebaut", sagt Wolfgang, "und da setzen sich diese jungen Leute hin und nennen mich Nazi." Um welche Themen es ihnen geht? Ingeborg empört zum Beispiel "dass man nicht mehr Negerlein sagen darf oder Zigeunersoße".

Und mit den Ausländern sei das eben auch manchmal schwierig. "Ich hab nichts gegen den Neger, der neben mir wohnt", sagt sie, "solange er sich gut benimmt." Aber neulich hätte sie im Fernsehen einen sagen hören, dass Weihnachten doch aus Rücksicht auf die Ausländer lieber "Lichterfest" heißen sollte. Wer das gesagt hat, auf welchem Sender und wann, daran kann sie sich nicht mehr erinnern. "Da müsste ich meine Schwester fragen, die hat das auch gehört."

Als Legida endlich loszieht, stehen wie schon in der vergangenen Woche an jeder Ecke Gegendemonstranten. Sie pfeifen und rufen, bizarrerweise fallen die Legida-Demonstranten in ihre "Nazis raus"-Rufe ein - und skandieren außerdem "Schließt euch an". "Wir sind das Volk" rufen sie allerdings seltener als noch vor einer Woche. Einige von ihnen biegen gleich zum Hauptbahnhof ab, wo es später zu Zusammenstößen mit Gegendemonstranten kommt. Immer wieder, so berichten es Polizisten, versuchen außerdem linke Gruppen, die Absperrungen zu Legida zu durchbrechen, bereits am Nachmittag hatte es Brandanschläge auf die Zugstrecke aus Dresden gegeben.

Rechte Demonstranten greifen Journalisten an

Während der Legida-Zug in der Mitte immer leiser wird, greifen an seiner Spitze rechte Demonstranten Journalisten an. Mehrere Lokalmedien berichten von Tritten und Schlägen, eine Kamera geht zu Bruch. Die "Lügenpresse"-Rufe, die schon bedrohlich klingen, wenn sie von tausend Kehlen gebrüllt werden, haben hier Folgen. Einer der Legida-Ordner drohte der Leipziger Volkszeitung zufolge einem Fotografen: "Wenn wir hier fertig sind, kriegst du eine aufs Maul!"

Neurechter Verleger Kubitschek schwärmt vom "deutschen Volk"

Zu diesem Zeitpunkt steht Legida schon wieder vor der Oper. Dort spricht der neurechte Verleger Götz Kubitschek. Politiker seien für das Volk da und nicht umgekehrt, findet er. Die schon arg verringerte Menge applaudiert. "Wir haben als Volk das Recht, mit unseren Sorgen und für unser Wohl auf die Straße zu gehen", ruft er.

Überhaupt, das deutsche Volk! "Sein Erfindungsgeist, sein Organisationstalent, sein Fleiß sind sprichwörtlich", sagt Kubitschek. Ja, das gefällt. "Der Kubitschek ist gut", sagt ein junger Mann zum anderen. Als letzter Redner kommt auf der Abschlusskundgebung schließlich Legida-Organisator Jörg Hoyer zu Wort. Er schimpft mit heiserer, lauter Stimme über die Regierung, die "nur redet und nicht handelt", außerdem über die GEZ und fordert ein Ende der Sanktionen gegen Russland - ein bisschen dies, ein bisschen das.

"Herr Jung, bald stehen hier eine Million auf dem Platz!", ruft er an den Leipziger Bürgermeister Burkhard Jung gerichtet, der sich den Gegendemos angeschlossen hat. Die Ereignisse rund um die Legida-Demo - ein Rückzug an der Pegida-Spitze, eine Spaltung, die Gewalt gegen Journalisten, die den betont bürgerlichen Teil der Demonstranten eher abschrecken dürfte -, aber vor allem die augenfällige thematische Ziellosigkeit der Demonstration legen eine andere Prognose nahe. Falls Pegida und seine vielen Ableger je so etwas wie eine Bewegung waren, dann zerfällt sie gerade in ihre Einzelteile. Das mag das Ende von Pegida bedeuten - aber noch lange nicht das Ende der Wut, die dahintersteckt.

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