Südkoreas Präsidentschaftskandidat Lee Jae-myungStark durch den Hass seiner Feinde

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Lee Jae-myung gilt als aussichtsreicher Bewerber auf das Präsidentenamt.
Lee Jae-myung gilt als aussichtsreicher Bewerber auf das Präsidentenamt. (Foto: Chung Sung-Jun/Getty Images)

Südkorea wählt diese Woche den Präsidenten: Lee Jae-myung ist der Hoffnungsträger der Demokraten und das Feindbild der Konservativen. Sollte er tatsächlich gewinnen, muss er erst einmal ein paar Gräben zuschütten.

Von Thomas Hahn, Seongnam

Die Angriffe der Rechten sind kein Problem mehr für den südkoreanischen Präsidentschaftskandidaten Lee Jae-myung. Er hat gelernt, dass es ihn sogar stärker machen kann, wenn er sie einfach an sich abprallen lässt. Die Rechten um Kim Moon-soo, der bei der Wahl am 3. Juni für die Regierungspartei PPP antritt, hassen Lee und seine liberale Demokratische Partei (DP), weil sie in der DP eine kommunistische Gefahr für ihr neoliberales Weltbild sehen. Aber wer hasst, hat weniger Argumente und lässt sich leicht zu Attacken verleiten, die eher zornig als kompetent wirken.

Bei einer Live-Fernsehdebatte vergangene Woche wurde das wieder deutlich. Da wollte der junge Antifeminist Lee Jun-seok von der kleinen rechten Reform-Partei die Doppelmoral der sonst eher frauenfreundlichen DP-Leute zeigen. In schlüpfriger Sprache spielte er deshalb auf frauenfeindliche Online-Posts an, deretwegen Lee Jae-myungs spielsüchtiger Sohn Dong-ho vor Jahren mal in den Schlagzeilen war. Lee Jun-seok bekam dafür Kritik vom Publikum. Lee Jae-myung konnte die Attacke lässig passieren lassen. Später sagte er laut Korea Herald: „Lasst uns diese Wahl zu einer Wahl machen, in der wir uns wirklich um das Land sorgen.“

Südkorea ist ein Nato-Partner mit produktiver Rüstungsindustrie und das demokratische Pendant zur nuklear aufrüstenden Parteidiktatur Nordkorea. Dass dieses kleine, reiche Land einen Präsidenten mit Weitsicht bekommt, liegt deshalb auch im internationalen Interesse. Und in Südkorea selbst hoffen erst recht viele, dass mit der Wahl am Dienstag die Themen der Nation wieder in den Vordergrund treten: die Überalterung, die Zukunft des träge gewordenen Tigerstaats, die gesellschaftliche Kluft zwischen Männern und Frauen, Jung und Alt, Rechts und Links. Lee Jae-myung, 61, trägt diese Hoffnung. In allen Umfragen lag er zuletzt klar vorn.

Im Dezember rief der alte Präsident das Kriegsrecht aus

Kein Wunder. Die Jahre nach dem Wahlsieg des rechten Ex-Staatsanwalts Yoon Suk-yeol im März 2022 waren zu schlecht. Von Anfang an erwies sich Yoon als Hardliner, der Freiheitsrechte missachtete und zu einfache Lösungen für komplexe Probleme anbot. Die klare Niederlage seiner PPP bei der Parlamentswahl im April 2024 machte ihn nicht demütiger. Und als er es nicht mehr aushielt, dass die DP mit ihrer Mehrheit seine Politik blockierte, griff er zum Kriegsrecht. In der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember war das. Soldaten eilten zum Parlament. Der Notstandserlass sollte Demonstrationen, freie Presse und sogar politische Aktivitäten in der Nationalversammlung verbieten.

Im Nachhinein kann man sagen, dass Yoon den Oppositionsführer Lee damit erst stark machte. Vom DP-Chef, der wenig mehr tun konnte, als die Regierung mit Vetos und Amtsenthebungen aufzuhalten, stieg Lee plötzlich zum Verteidiger der Freiheit auf. Kurz nach Yoons schockierender Fernsehansprache saß Lee im Auto und rief über soziale Medien dazu auf, zur Nationalversammlung zu kommen. Dann kletterte er mit der Live-Stream-Kamera in der Hand über einen Zaun zum Parlament. Rechtzeitig kamen genügend Abgeordnete zusammen. Sie nutzten ihr Recht, Yoons Kriegsrechtserklärung abzuwählen.

Es folgten Massenproteste, Amtsenthebung, schließlich das Urteil des Verfassungsgerichts gegen Yoon. Und nun ist also die Neuwahl, die Lee Jae-myung höchstwahrscheinlich gewinnen wird.

Aber wer ist Lee Jae-myung? Diese Frage stellten sich viele Nicht-Konservative in Südkorea schon vor drei Jahren, als Lee gegen Yoon antrat. Auf den ersten Blick musste er auf sie wirken wie eine gute Wahl: Sohn aus ärmlichen Verhältnissen, Jurist, später Bürgermeister von Seongnam in der Provinz Gyeonggi, dann Gouverneur von Gyeonggi. Aber Lees nassforsche Art, verschiedene Gerüchte und Enthüllungen schreckten zu viele ab. Yoon gewann mit dem historisch knappen Vorsprung von 0,73 Prozent.

Heute laufen so viele Verfahren gegen Lee Jae-myung, dass man leicht den Überblick verliert

Danach ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen Lee Jae-myung. Heute laufen so viele Verfahren gegen ihn, dass man leicht den Überblick verliert. Als Bürgermeister von Seongnam soll er unter anderem zum Nachteil der Stadt Immobilienfirmen begünstigt haben. Auch um heimliche Überweisungen nach Nordkorea geht es. Lee bestreitet die Vorwürfe. Die Verfahren halten viele Liberale für politisch motiviert. Lees Gegner wiederum halten nichts von der Unschuldsvermutung. Selbst gemäßigte Konservative bezeichnen Lee als Kriminellen. PPP-Kandidat Kim Moon-soo dreht den Verdacht sogar weiter. Durch Lee seien Menschen in Korruption verwickelt worden, sagte er bei der Fernsehdebatte, „viele sind plötzlich in Ermittlungsverfahren und sterben“. Er spielte damit auf Suizide von früheren Lee-Mitarbeitern an. Lee Jae-myung fragte unaufgeregt zurück: „Liegt das nicht daran, dass diese Leute unter einer Staatsanwaltschaft litten, die einen Fall zu kreieren versuchte, wo kein Fall war?“

Solche Wortwechsel haben mit einer politischen Debatte wenig zu tun. Aber sie prägen die Meinung vieler Menschen in Südkorea.

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Besuch in Seongnam. Lee Jae-myung war dort von 2010 bis 2018 Bürgermeister. Gyeonggi-Gouverneur war er von 2018 bis 2021. Die Stadt sähe wohl anders aus, wenn Lee wirklich der kommunistische Marktwirtschaftsverächter wäre, als den ihn seine Feinde darstellen. Vor 30 Jahren war Seongnam ein Zufluchtsort für Kleinverdiener, heute ist es eine gefragte Satellitengroßstadt der Kapitale Seoul. Viele Firmen sind hierhergezogen, helle Wohnhochhäuser ragen auf. Es gibt begrünte Fußgängerzonen und wuchtige Zukunftsarchitektur. Für die Immobilienwirtschaft war Seongnam in der Lee-Zeit sicher ein gutes Geschäft.

Die Meinungen über Lee Jae-myung gehen hier auseinander. „Ich habe mir damals keine Gedanken über ihn gemacht“, sagt Ahn Soon-sim, 77. Vor 30 Jahren kam sie nach Seongnam. Sie hatte einen Laden, den sie später verkaufen musste. Jetzt verkauft sie für lokale Bauern Gemüse auf dem Bürgersteig nahe einem Einkaufszentrum. Sie sitzt auf einem Hocker zwischen den Hochhäusern und schält Frühlingszwiebeln. Lee Jae-myung fand sie letztlich ganz gut, vor allem dessen Sozialpolitik, in der Ideen wie Regionalwährung oder bedingungsloses Grundeinkommen vorkommen. Er habe das Krankenhaus aufgebaut, sagt Ahn Soon-sim. „Und wegen seiner Herkunft hat er die armen Menschen verstanden.“

Im Stadtteil Baekyeon sagt der Restaurantbesitzer Ki Se-gwan über Lee: „Die Businessentwicklung hat er gut gemacht.“ Aber die Leute seien misstrauisch, „wegen des Korruptionsverdachts“. Ein Taxifahrer sagt über Lees Verdienste: „Das hätte jeder Bürgermeister gekonnt.“ Und die kleine Umfrage endet vor Baekyeons Gemeindezentrum mit dem pensionierten Linguistikprofessor Kim Sang-ki, 75. Er kommt aus dem Wahllokal. Wie alle, die am 3. Juni keine Zeit haben, hat er die Möglichkeit zur vorzeitigen Wahl genutzt. Für Lee Jae-myung hat er dabei sicher nicht gestimmt. „Er ist korrupt und unehrlich“, schimpft Kim Sang-ki. Yoon habe keine andere Wahl gehabt, als Lee und die DP per Kriegsrechtserklärung zu zähmen. Alle Anhänger der Rechten reden so.

Lee Jae-myung hat im Wahlkampf versucht, auch den Konservativen zu gefallen. Seine Nordkorea-Politik wird sicher nicht so bevormundend und drohend sein wie die Yoons. Aber er hat sich zu einem guten Verhältnis zu Japan bekannt, obwohl die DP den früheren Besatzer traditionell kritisch sieht. Im Magazin Time hat Lee das Verhandlungsgeschick von US-Präsident Donald Trump gelobt. Und natürlich will er mehr Wachstum. Er redet insgesamt versöhnlicher als früher. Auf zornige Attacken kann Lee Jae-myung verzichten. Er weiß: Die Schwäche seiner Feinde hat ihn stark genug gemacht, um Präsident zu werden.

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