Süddeutsche Zeitung

Energieversorgung:Loch in der Pipeline der Freundschaft

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In der Ölförderleitung "Druschba", die durch Polen führt, wurde ein Leck entdeckt. Die polnische Regierung hält bei der Ursachensuche "alle Hypothesen" für möglich.

Von Viktoria Großmann, München

Bis Ende des Jahres wollte Deutschland ganz auf russisches Erdöl verzichten, vielleicht muss es nun noch schneller gehen. Einer der beiden Stränge der Druschba-Pipeline, die durch Polen führt, hat ein Loch. Entdeckt wurde es am Dienstagabend von einem automatischen Sicherheitssystem. Die Ölbeförderung wurde umgehend eingestellt. Nach Angaben der örtlichen Feuerwehr befindet sich das Leck in der Gemeinde Boniewo, etwa 70 Kilometer westlich der Stadt Płock im Zentrum Polens.

Die Ursache ist nicht bekannt. Sabotage oder einfach ein Unfall, marodes Material? Auf polnischer Seite wollte man sich bis Mittwochnachmittag noch nicht festlegen. "Alle Hypothesen sind möglich", sagte Stanisław Żaryn, in der polnischen Regierung für Sicherheitsfragen zuständig, der polnischen Nachrichtenagentur PAP. Das Bundeswirtschaftsministerium hingegen teilte mit: "Nach ersten Informationen der polnischen Behörden geht man von einer unbeabsichtigten Beschädigung aus, nicht von einer Sabotage." Auf Nachfrage hieß es dazu, diese Angaben habe man von polnischer Seite erhalten. Zudem teilte die Sprecherin mit, es sei zunächst ein Druckabfall festgestellt worden, danach das Leck.

Bei der beschädigten Leitung handelt es sich um die Hauptleitung nach Deutschland, durch sie fließt das Öl zur Raffinerie PCK im brandenburgischen Schwedt. Zwölf Millionen Tonnen werden hier jährlich verarbeitet; Berlin und Brandenburg beziehen Benzin, Diesel, Heizöl und Kerosin zu 90 Prozent von PCK, so beschreibt es das Unternehmen selbst. Eine Notlage entstehe nun nicht sofort. "Die Lager sind recht voll", sagt die Ministeriumssprecherin. Zudem beziehen sowohl die Werke in Schwedt wie in Leuna in Sachsen-Anhalt auch über andere Wege Rohöl. Derzeit kommen nur noch zwölf Prozent der deutschen Öllieferungen aus Russland, vor dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine waren es noch 35 Prozent. "Die Versorgungssicherheit in Deutschland ist aktuell gewährleistet", hieß es aus dem Wirtschaftsministerium.

Im Fall der vier Löcher in den Nord-Stream-Gaspipelines war recht bald klar geworden, dass es sich um vorsätzliche Sprengungen gehandelt hatte. Erst vor wenigen Tagen kam es dann zu einem Stromausfall auf der dänischen Ostseeinsel Bornholm, anscheinend durch eine beschädigte schwedische Stromleitung, von Sabotage wurde dabei nicht ausgegangen.

Die Feuerwehr pumpt Rohöl ab

Anders in Norddeutschland: Am Wochenende standen die Züge still, Bundesverkehrsminister Volker Wissing sprach von vorsätzlich durchtrennten Kabeln.

Sicherheitsexperten erinnern in diesem Zusammenhang an die eindeutigen Drohungen des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der sich explizit nicht nur im Kampf gegen das Nachbarland Ukraine, sondern den gesamten Westen wähnt. Kritische Infrastruktur sei in Deutschland und ganz Europa zu wenig geschützt, das wird auch den Bundespolitikern klar. "Attacken auf die kritische Infrastruktur sind insgesamt immer höher auf die Agenda gerückt", sagte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) am Mittwoch. Seit Monaten arbeiteten die Sicherheitsbehörden und zuständigen Ministerien daran, dass sich Deutschland besser dagegen wappnen könne.

In Polen stehen nun Feuerwehrleute auf dem Feld und pumpen Rohöl ab. Das werde innerhalb von Stunden erledigt sein, teilt der polnische Betreiber, das Unternehmen PERN, am Mittwochnachmittag mit. Danach soll mit der Untersuchung der Ursache und der Reparatur der Leitung begonnen werden. Zwischen zwei und zehn Tagen könne das dauern, sagte der brandenburgische Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD). Außerdem muss der verseuchte Boden saniert werden.

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