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Leben im Irak:Mitten im Kalifat des Terrors

Flüchtlinge in der irakischen Provinz Anbar

Zu Tausenden flüchten Iraker aus der Provinz Anbar vor dem IS.

(Foto: Hadi Mizban/AP)

In der irakischen Provinz Anbar herrscht die Terrormiliz IS mit Willkür und Gewalt. Zehntausende Menschen fliehen ins Ungewisse. Andere verteidigen ihre Heimat verbissen gegen die Macht des Bösen.

Von Paul-Anton Krüger, Anbar

Der einzige Weg in Iraks größte Provinz führt über eine schmale Pontonbrücke über den Euphrat. Anbar ist sunnitisches Kernland, Anbar ist zu zwei Dritteln in den Händen des Islamischen Staats (IS). Gerade hat die Terrormiliz zum zweiten Mal versucht, Ramadi einzunehmen, die Hauptstadt des Gouvernements. Alles, was hinein soll nach Anbar oder heraus, muss durch dieses Nadelöhr; Fahrzeuge dürfen nur mit Sondergenehmigung passieren. Soldaten und Polizisten mit automatischen Waffen wachen über den Grenzverkehr; Kleinlaster mit aufgepflanztem Maschinengewehr auf der Ladefläche sind quer zur Straße geparkt - bereit, jeden Moment den Weg zu blockieren.

Zahlreiche Iraker sammeln sich vor der Bzebiz-Brücke, sie fliehen vor den IS-Milizen.

(Foto: AP)

Junge Männer wuchten mit Handkarren alles über den Fluss, was hinübermuss: schwarze Plastikkisten mit Tomaten, Säcke voller Kartoffeln, Zement. Und Menschen. Flüchtlinge. Alte und Kinder, die nicht mehr laufen können, verschleierte Frauen, Schwangere, Verwundete. Hunderte, Tausende Autos stehen auf der anderen Seite des Euphrat in den Dörfern oder neben der Straße in der Wüste geparkt, daneben eingezäunt Herden von Schafen und Ziegen, dem Verdursten nahe.

Die Menschen sind vor den Schergen des "Kalifen" und IS-Führers Abu Bakr al-Bagdadi geflohen, vor den Kämpfen zwischen der Terrormiliz und den irakischen Sicherheitskräften. Sie haben alles hinter sich gelassen. "Wir wollten nur noch weg", sagt Abu Omar, der jüngst ohne seine Familie versuchte, Richtung Ramadi zu kommen, um zu sehen, ob sein Haus noch steht, sein Habe noch nicht geplündert ist.

Zu Fuß sind sie weggelaufen, als vor zwei Wochen zum ersten Mal das Gerücht die Runde machte, Ramadi sei an die sunnitischen IS-Dschihadisten gefallen. Dutzende Kilometer durch Staub und sengende Sonne. Inzwischen scheint sich das Gerücht zu bewahrheiten. Die Dschihadisten meldeten, sie hätten die Stadt vollständig eingenommen, auch berichtete die Regierung, ihre Truppen hätten die Stadt geräumt und sich auf einen Militärstützpunkt 30 Kilometer östlich der Stadt zurückgezogen. Was davon stimmt, ist schwer zu sagen, beide Seiten betreiben auch psychologische Kriegsführung. Eine Sprecherin des US-Verteidigungsministeriums sagte in der Nacht zum Montag, es sei "zu früh, um derzeit definitive Stellungnahmen zur Lage vor Ort abzugeben".

Amiriat al-Fallujah liegt etwa 50 Kilometer westlich von Bagdad.

Zehntausende Sunniten wie Abu Omar haben nichts als Angst vor dem IS, der sich doch so gerne präsentiert als Hüter aller Rechtgläubigen. Nicht einmal ihre Dokumente nahmen sie mit. Sie fürchteten, dass jeder umgebracht wird, der in Verdacht gerät, mit der Regierung kooperiert zu haben. Als ob die Menschen eine Wahl hätten, sich ihre Herren auszusuchen.

Die Bilder sind kaum zu ertragen

Wie es zugeht im Kalifat des IS, das kann Mohammed Jaleel Jarwan berichten. Der Orthopäde leitet die Klinik von Amiriat al-Fallujah, der letzten Stadt bevor das Territorium des Islamischen Staates beginnt, 70 Kilometer von Ramadi entfernt. Es ist ein umgebautes Hotel, gedacht für 100 Patienten. Jetzt kommen manchmal 1500 pro Tag. Eine Schwester bringt ein Röntgenbild ins Büro. Jarwan arbeitet rund um die Uhr, sechs Wochen am Stück. Dann nimmt er ein paar Tage frei, um seine Familie zu sehen, die er nach Jordanien gebracht hat.

Welche Operationen muss er am häufigsten vornehmen? "Amputationen", antwortet der Doktor und senkt den Blick auf seinen Schreibtisch. Die Bilder auf seinem Handy sind kaum zu ertragen. Eine 20-jährige Mutter, die Beine nur noch blutige, zerfledderte Stümpfe. Er hat ihr Leben retten können, und auch ihren Sohn. Der Dreijährige war von Schrapnellen durchlöchert, an Oberarm, Oberschenkel und Wade. Hammadi hieß er, erinnert sich der Doktor. "Viele Kinder sind unter den Verletzten."

Sie schossen mit Kalaschnikows auf Kinder

Mörsergranaten, Sprengfallen, Gewehrkugeln richten solche Verheerungen an. Skrupellose Mörder. "Einmal kam ein Vater zu mir", erinnert sich Mohammed. Er trug seine beiden Söhne unter den Armen, drei und fünf Jahre alt. Sie hatten Schusswunden in der Beckengegend. Maskierte Männer seien in sein Haus gekommen, berichtete der Mann später. "Wir werden dich nicht töten", hätten die Terroristen gesagt. "Aber du wirst für den Rest deines Lebens leiden, weil du mit der Regierung zusammengearbeitet hast." Dann schossen sie mit ihren Kalaschnikows auf die Kinder.

"Natürlich habe ich Angst", sagt Doktor Mohammed und zieht die Jalousie hinter dem Schreibtisch hoch. Der Blick reicht bis zu einer Reihe Palmen. Sie wachsen eineinhalb Kilometer entfernt, am anderen Ufer des Euphrat. Im Kalifat des Terrors. In Reichweite der Granaten. Auch vor dem Krankenhaus macht der Islamische Staat nicht halt. 35 Mörser feuerten die Terroristen vor ein paar Wochen auf das Hospital. Die Splitter haben Löcher in die Decke des Büros von Doktor Mohammed gerissen. Das Fenster hinter seinem Schreibtisch ist aus Panzerglas, noch stärkeres als letztes Mal, denn es wurde durchschlagen. Sechs Leute waren tot. Mohammed lebt, weil er sein Büro verlassen hatte, zehn Minuten vor dem Angriff.

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Die Stadt Ramadi ist umkämpft.

(Foto: AP)

Wenn alle gehen, überlässt man den Irak dem IS

Er hat vier Kinder und eine gültige Aufenthaltserlaubnis für Tschechien. Er müsste nur ins Flugzeug steigen. "Aber die Menschen hier brauchen uns", sagt er. "Wer hilft ihnen, wenn nicht wir?" Er weiß: Wenn er geht, gehen die anderen Ärzte auch. Und wenn alle gehen, überlässt man den Irak dem IS. Mohammed glaubt an einen Irak, in dem alle Iraker sind, in dem es keine Rolle spielt, ob einer Sunnit ist oder Schiit, Kurde oder Christ oder Jeside. Er glaubt an Männer wie Scheich Feisal oder Hadschi Hail, die Männer vom Stamm der al-Essawi - Sunniten, die ihre Heimat verbissen verteidigen gegen die Macht des Bösen.

IS in Palmyra

Bei Gefechten zwischen Kämpfern der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) und regierungstreuen Einheiten um die antike syrische Stadt Palmyra sind laut Aktivisten Dutzende Menschen getötet worden. Demnach war aus dem Westen der Stadt nahe den zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden antiken Stätten Artilleriefeuer zu hören. Berichte über Schäden an den Stätten gab es zunächst nicht. Laut den Angaben der Aktivisten, deren Erkenntnisse unabhängig kaum zu überprüfen sind, hatten IS-Kämpfer am Wochenende das nördliche Stadtgebiet von Palmyra in der Provinz Homs unter ihre Kontrolle gebracht. Palmyra, dessen Bauten griechisch-römische und persische Baukunst vereinigen, ist laut der UN-Kulturorganisation Unesco eine Stätte von "überragendem universellem Wert".

AFP

Scheich Feisal al-Essawi ist der Bürgermeister von Amiriat al-Fallujah. "Wir sind in Anbar die letzte Linie gegen den Islamischen Staat", erklärt er und weist mit ausladender Geste auf einen riesigen Flachbildfernseher zu seiner Rechten. Die Gefahr ist in seinem Büro jederzeit präsent. Erstaunlich scharfe Bilder zeigen einen Feldweg jenseits des Flusses. "Sie haben Schafe geladen", sagt der Bürgermeister und deutet auf einen weißen und einen blauen Kleinlaster. "Aber wir wissen, dass sie Mörsergranaten transportieren." Die Bilder stammen von einer Kamera auf dem Minarett der Moschee gleich neben dem Rathaus. Live aus dem Islamischen Staat. An dem weißen Auto flattert gut erkennbar die schwarze Standarte der Dschihadisten.

"Wir wollen nur freie Bürger in einem freien Land sein"

Im Büro des Bürgermeisters dagegen hängt die irakische Flagge hinterm Schreibtisch. Sie ist ein Bekenntnis zu einem Staat, in dem die Mehrheit der Schiiten der Minderheit der Sunniten in den vergangenen Jahren das Leben oft zur Hölle gemacht hat. Zu einem Staat, der sie heute noch im Stich lässt. "Die Stämme in Anbar haben keine Vertreter in der Regierung in Bagdad", erklärt er. "Wir bekommen keinerlei Unterstützung." Dabei bräuchten sie dringend Munition und modernes Gerät. Die Terroristen kommen bei Nacht in Schlauchbooten über den Fluss. "Wir wollen nur freie Bürger in einem freien Land sein", ruft Scheich Feisal, und die in seinem Zimmer versammelten Honoratioren nicken.

Viele Flüchtende müssen in Wüstencamps ausharren.

(Foto: AP)

Es ist nicht das erste Mal, dass die Sunniten in Anbar auf sich gestellt sind. "Wir haben gegen die Amerikaner gekämpft und auch gegen al-Qaida - wir wollen keine Besatzung", weder durch den IS noch durch die schiitischen Milizen, die der Regierung in Bagdad helfen. Hadschi Hail al-Ahmadi al-Essawi hat das Wort ergriffen, mit 73 Jahren der Älteste im Raum. Er trägt eine blütenweiße Dischdascha, Fliegerbrille und eine Pistole im bestickten schwarzen Schulterholster. "Ich bin hier geboren, ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Vier meiner Söhne sind im Kampf gegen al-Qaida gefallen. Er werde gegen den IS kämpfen "bis zum letzten Atemzug - inschallah", ruft er. Zustimmendes Nicken.

Die sunnitischen Stämme haben schon gegen die US-Armee und gegen al-Qaida gekämpft

In Amiriat al-Fallujah würden alle zusammenarbeiten, sagt er. Deswegen könnten sie dem Islamischen Staat widerstehen. In Ramadi sei das anders. Zehn Stämme, Tausende Regierungsbeamte, und jeder wolle wichtiger sein als der andere. Die Zusammenarbeit mit den Volksmobilisierungseinheiten, den Milizen ablehnen, das täten nur jene, die nicht kämpften. "Wir kämpfen für uns, wir überlassen das nicht anderen, wir wollen von niemandem abhängig sein", bekräftigt er. Die Söhne des Stammes hätten den größten Anteil an der Verteidigung der Stadt. Eines ist ihm wichtig klarzustellen: "Der Islamische Staat ist unislamisch", hebt er mit grollender Stimme an. "Wir kennen unsere Religion sehr gut, sie wollen unsere Würde stehlen", schimpft der alte Mann - wie damals schon al-Qaida. 300 Männer hätten sie seit 2006 verloren im Kampf gegen Extremisten. Nie werde ein al-Essawi denen die Hand reichen.

Sie versuchen, Sicherheit zu gewähren und den Vertriebenen mit dem Nötigsten zu helfen. Doch der Ort wird überrannt von Menschen, die vor dem Islamischen Staat fliehen und nicht wissen, wo sie hinsollen. Auf dem Weg nach Bagdad werden sie gestoppt, von Milizen und den Sicherheitskräften, offiziell weil diese fürchten, dass sich Kämpfer des Islamischen Staates unter die Flüchtenden mischen. Die Zahl der Bomben in der Hauptstadt ist jüngst derart gestiegen, dass die Menschen sich wieder fürchten, auf die Straße zu gehen. Eine regelrechte Angstkampagne gegen die Sunniten aus Anbar ist im Gang.

Wer niemanden hat in Bagdad oder in Kurdistan, der zu bürgen bereit ist, der wird nicht durchgelassen. Viele Flüchtlinge haben nicht einmal ihre Ausweise dabei. Ihnen bleibt nichts, als in die Zeltlager zu gehen, die Hilfsorganisationen zwischen Amiriat al-Fallujah und der Stadtgrenze von Bagdad hastig neben den Straßen aufgebaut haben. Elende Quartiere, oft ohne ausreichende Versorgung, in denen die Vertriebenen in der Hitze biwakieren müssen. Zurück können sie nicht. Wo ihre Heimat war, ist der Islamische Staat. Wo sie sicher sind vor den Mördern, da sind sie nicht willkommen. Dabei wollen sie nur ihr Leben retten.

© SZ vom 18.05.2015/harl
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