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Leben im Flüchtlingsheim:"Ich dachte, wenn ich den Schein habe, ruft er den Rettungswagen"

Leonardos Vater wurde angewiesen, sich erst einen Krankenschein geben zu lassen, in Raum 125. Der Raum ist mit "Arzt" beschildert, weshalb die Pförtner davon ausging, dass dort ein Arzt sei. Tatsächlich ist dort nur an zwei Tagen die Woche kurz ein Arzt zugegen, in der übrigen Zeit sitzt dort eine Verwaltungsangestellte, die von einer Zeitarbeitsfirma kommt. Hier klopfte Leonardos Vater um kurz nach sieben an. Er brauche dringend einen Krankenschein für seinen Sohn, sagte er, der sei "schwarz am ganzen Körper". Die Verwaltungsmitarbeiterin erklärte ihm daraufhin, dass ihr Büro erst um neun Uhr öffne.

So groß wie Zwei-Euro-Stücke seien die Flecken auf Leonardos Körper gewesen: So erinnert sie sich, wenn man sie heute danach fragt. Allerdings, ihr Job sei nur, Krankenscheine auszugeben.

Zurück also zur Pforte. Leonardos Vater verlangte dort erneut, dass ein Arzt gerufen werde, jetzt flehend. Zeugen erinnern sich, dass er inzwischen geweint habe. Er selbst schildert das so: "Wir standen wieder an der Pforte. Der Sicherheitsmann hat nur so ein kleines Fenster aufgemacht und rausgeschaut. Die anderen Sicherheitsleute, die standen hinter ihm und haben ihren Hals lang gemacht, um hinauszuschauen." Die Sicherheitsleute sagen heute: Der Ernst der Lage sei nicht erkennbar gewesen.

Hinaus in die Mörgendämmerung

Erneuter Versuch beim "Arztzimmer". Noch einmal wurde Leonardos Vater mit Verweis auf die Öffnungszeiten abgewiesen - bis ein zufällig vorbeikommender Behördenmann, ein Dolmetscher der Zentralen Rückführungsstelle Bayern, ihn auf dem Gang entdeckte und fragte, was los sei. Als Leonardos Vater es erklärte, half ihm der Dolmetscher - "er war kein Deutscher", betont Leonardos Vater -, einen Schein zu bekommen. Gegen acht Uhr.

Damit: zurück zur Pforte. Leonardos Vater appellierte an den Pförtner, nun einen Arzt zu rufen. "Ich dachte, wenn ich den Schein habe, ruft er den Rettungswagen", sagt Jovica Petrovic. "Doch der Pförtner sagte zu mir, dass ich doch den Stadtplan habe und alleine da hinfinden muss. Ich habe ihn ein paar Mal gebeten, dass er uns ein Taxi ruft. Das wollte er auch nicht."

Stattdessen: hinaus in die Morgendämmerung, den apathischen Leonardo auf dem Arm.

Erst dank des Autofahrers, der die Familie an einer Zirndorfer Straßenkreuzung auflas, fanden sie schließlich den Arzt.

Als die Familie Petrovic dort eintraf, brach Hektik aus. Die Ärzte versuchten, dem Jungen Blut abzunehmen, doch aus dem angepieksten Finger kam schon kein Blut mehr. Auch der Versuch, über die Armvene Blut zu ziehen, scheiterte. Die Ärzte riefen einen Rettungswagen für Leonardo. Die Mutter durfte mitfahren ins Fürther Krankenhaus. Der Vater musste mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinterherkommen.

Als er in der Klinik ankam, sagte ihm eine Ärztin, dass sie nicht wüsste, ob Leonardo die nächste Stunde überleben werde. Der Vater solle sich von seinem Sohn verabschieden. Das war nicht böse gemeint. Sondern angesichts des Zustandes, in dem Leonardo sich inzwischen befand, ehrlich.

Leonardo aber hat überlebt. Und die Staatsanwaltschaft hat nun Anklage eingereicht, aufgrund dessen, was in jenem Dezember 2011 in Deutschland, in Zirndorf, geschah.

© SZ vom 23.10.2013
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