Krieg in der UkraineLawrow nennt Eroberung des Donbass "bedingungslose Priorität"

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So sehen die von Russland besetzten Gebiete aus: Ein Wohnhaus in der größtenteils zerstörten Hafenstadt Mariupol.
So sehen die von Russland besetzten Gebiete aus: Ein Wohnhaus in der größtenteils zerstörten Hafenstadt Mariupol. (Foto: Vladimir Gerdo/Imago)

Der russische Außenminister erklärt einmal mehr die Abspaltung der Separatistenregionen zum Kriegsziel Moskaus. Aber falls sie dieses Ziel erreichen: Warum sollten die Invasoren danach aufhören?

Von Nicolas Freund, München

Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat mal wieder erklärt, was Russland in der Ukraine eigentlich vorhat. Es sei "bedingungslose Priorität", die Region Donbass einzunehmen, sagte er in einem Interview mit dem französischen Sender TF1. Man wolle die pro-russischen Separatistengebiete Luhansk und Donezk als unabhängige Staaten anerkennen. Die anderen Teile der Ukraine sollten dagegen selbst über ihre Zukunft entscheiden.

Derzeit kontrollieren die russischen Invasoren das gesamte Gebiet von Luhansk mit Ausnahme der Stadt Sjewjerodonezk. In der Region Donezk haben russische Truppen bisher nur den südlichen Teil um die Stadt Mariupol besetzt. Moskau hatte seit Beginn des Angriffs auf die Ukraine seine Kriegsziele mehrmals neu definiert, auch die Abspaltung der seit 2014 umkämpften Separatistenregionen war schon genannt worden. Lawrows neue Äußerungen machen nun aber klar: Obwohl ihre Gebietsgewinne in den letzten Wochen sehr gering waren, wird die russische Armee den Vormarsch bis auf Weiteres fortsetzen, und eine Aufgabe der bisher eroberten Gebiete ist keine Option, was bedeutet: Moskau provoziert in jedem Fall weitere Kämpfe.

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Das zieht die Frage nach sich: Wenn es Russland gelingen sollte, die Stadt Sjewjerodonezk und die Region Donezk einzunehmen, was nach dem derzeitigen Zustand der russischen Armee zu urteilen einen immensen Kraftakt darstellen würde: Warum sollte Moskau dann mit dem Eroberungsfeldzug aufhören? Lawrows Aussagen sind auch als Appeasement an den Westen zu verstehen. Denn selbst wenn Luhansk und Donezk eingenommen werden, geht der Krieg mit großer Sicherheit weiter.

Zwei wichtige Städte in der Region Luhansk kontrollieren die Russen nach wie vor nicht

Ob diese "bedingungslose Priorität" jemals erfüllt werden wird, ist derzeit jedoch alles andere als sicher. Vor Donezk muss die russische Armee erst einmal Luhansk unter ihre Kontrolle bringen und dazu Sjewjerodonezk einnehmen. Die Stadt wird seit Wochen heftig beschossen, der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij sagte in seinem täglichen Statement am Sonntag, 90 Prozent der Gebäude in der Stadt seien beschädigt, mehr als zwei Drittel der Wohnhäuser vollständig zerstört. Laut Serhij Gajdaj, dem Gouverneur von Luhansk, sollen russische Truppen bereits in die Stadt vorgedrungen sein, es gebe schwere Straßenkämpfe.

Sjewjerodonezk und die auf der anderen Seite des Flusses Siwerskyj Donez gelegene Stadt Lyssytschansk sind aber nach wie vor nicht eingekesselt, es ist noch immer möglich, die Städte zu versorgen und Evakuierungen durchzuführen. Eine Flucht ist aber derzeit äußerst gefährlich, schon mehrere Zivilisten, darunter ein französischer Journalist, sollen laut dem Gouverneur in der Region getötet worden sein. Fraglich ist außerdem, ob die Verteidiger noch lange durchhalten. An anderen Orten in der Region hatte die ukrainische Armee nicht bis zum bitteren Ende ausgeharrt, sondern sich aus Stellungen zurückgezogen, wenn die Lage aussichtslos geworden war.

Laut den Experten des Thinktanks Institute for the Study of War hat Russland für diesen Angriff aber einen so großen Teil seiner Kräfte konzentriert, dass Vorstöße in anderen Regionen aktuell praktisch ausgeschlossen sind. So sollen der ukrainischen Armee bei Mykolajiw in der Nähe von Cherson und in Toschkiwka südlich von Sjewjerodonezk kleinere Gegenangriffe geglückt sein. In der besetzten Stadt Melitopol soll am Montagmorgen im Stadtzentrum nahe dem russischen Verwaltungsgebäude ein Sprengsatz explodiert sein, drei Menschen wurden dabei verletzt. Ob der Angriff den Besatzern galt, ist unklar. Der russische Militärverwalter Wladimir Rogow sprach von einem Terroranschlag.

Britischer Geheimdienst: Russische Armee hat viele Offiziere verloren

Der britische Militärgeheimdienst teilte außerdem in seinem täglichen Briefing mit, die russische Armee habe im Verlauf des Krieges schwere Verluste bei mittleren und unteren Offiziersrängen erlitten. Der russischen Armee fehlten gut ausgebildete Unteroffiziere. Anders als in vielen westlichen Armeen legt die russische keinen großen Wert auf ein umfassend gebildetes Offizierskorps. Diese fehlende Kompetenz und der große Verlust an Offizieren würde laut den Briten die ohnehin schon miserable Moral der russischen Truppen in der Ukraine noch weiter verschlechtern. Es gebe zudem mehrere glaubwürdige Berichte von Insubordination innerhalb der russischen Streitkräfte in der Ukraine.

Vielleicht auch aus diesem Grund setzt die russische Armee weiter sehr stark auf ihre Artillerie und auf Luftangriffe. So soll östlich der Hafenstadt Odessa eine Werft bombardiert worden sein. Wie solche Angriffe zu den angeblich selbst über ihre Zukunft entscheidenden Teilen der Ukraine passen, sagte Lawrow aber nicht.

Sein Chef Wladimir Putin wiederholte derweil, Russland sei bereit zu kräftigen Exporten von Düngemitteln und Lebensmitteln - falls Sanktionen gegen Moskau aufgehoben würden. Dann werde man auch ermöglichen, Getreide über ukrainische Häfen auszuführen. Zuvor hatte der Kremlchef mit dem türkischen Präsidenten Tayyip Recep Erdoğan telefoniert.

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