Ärztetag:Lauterbach empfiehlt 21 Tage Isolation für Affenpocken-Infizierte

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Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD)

Gesundheitsminister Karl Lauterbach

(Foto: Markus Schreiber/AP)

Auch Kontaktpersonen sollen sich so lange absondern. Außerdem sollen vorsorglich Impfstoffe besorgt werden. Es gehe nun darum, früh und hart zu reagieren, kündigt der Gesundheitsminister an.

Von Julia Bergmann

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat am Rande des Deutschen Ärztetags ein entschlossenes Vorgehen gegen die Verbreitung von Affenpocken angekündigt. In frühen Phasen einer Endemie müsse früh und hart reagiert werden, betonte er. Kernbestandteil der Empfehlungen, die das Gesundheitsministerium nun mit dem Robert-Koch-Institut erarbeitet habe, sei eine empfohlene Isolation von 21 Tagen für Infizierte. Maßgeblich für das Ende der Isolation sei allerdings das Ende der Symptome. Ebenso soll es eine dringende Empfehlung für unmittelbare Kontaktpersonen geben, sich ebenfalls für 21 Tage in Isolation zu begeben.

"Darüber hinaus wollen wir den Schutz für Bevölkerung ausbauen, falls sich das Geschehen der Infektion ausbreitet", kündigte Lauterbach an. Dazu solle es nach bestätigten Fällen zu Ringimpfungen kommen, Impfungen also im Umfeld des Infizierten. Bis zu 40 000 Dosen des Impfstoffs Imvanex, der für die Bekämpfung von Affenpocken in Deutschland zugelassen werden würde, seien bereits bestellt.

Bei bereits angesteckten Menschen könne der Impfstoff den Ausbruch der Krankheit zum Teil verhindern, oder mindestens verzögern. Derzeit sei noch nicht klar, ob der Impfstoff eingesetzt werden müsse. Ob das Vakzin für Kinder verwendet werden dürfe, werde momentan mit dem Robert-Koch-Institut und dem Paul-Ehrlich-Institut abgesprochen. "Ich glaube, dass wir noch sehr gute Chancen haben, diesen Erreger zu stoppen", sagte Lauterbach. Das gelte nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa. "Wir werden nicht zulassen, dass hier die Infektionen verschleppt werden."

Grund zur Panik besteht laut Gesundheitsminister nicht. "Was wir mit den Affenpocken gerade erleben, ist nicht der Beginn einer neuen Pandemie", sagte er. Ausbrüche dieser Erkrankungen habe es in der Vergangenheit immer wieder gegeben, sie hätten durch gezielte Kontaktverfolgung gut eingedämmt werden können. Die Affenpocken nicht ernst zu nehmen sei allerdings auch falsch. "Wir wissen bisher nicht, warum sich die Ausbrüche international so anders verhalten als bisher." Es sei etwa möglich, dass sich der Erreger oder die Anfälligkeit der Menschen verändert habe. Wichtig sei, die Ausbrüche früh einzudämmen, um ein endemisches Geschehen zu vermeiden. Daher müsse man schnell reagieren.

Weltweit sind derzeit 177 Fälle in 16 Ländern bekannt

Während der gemeinsamen Pressekonferenz erklärte Lothar Wieler, der Chef des Robert-Koch-Instituts, dass in Deutschland trotz allem weitere Affenpocken-Infektionen erwartet würden. Derzeit sind hierzulande acht Infektions- und Erkrankungsfälle bestätigt - drei davon in Berlin, drei in Köln, einer in München und einer in Baden-Württemberg. Proben weiterer Personen werden überprüft und Kontaktpersonen ermittelt. Weltweit sind laut Wieler mit Stand Dienstagmittag 177 Fälle in 16 Ländern bekannt.

Das Virus verursacht meist nur milde Symptome wie Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, geschwollene Lymphknoten und Hautausschlag. Affenpocken können aber auch schwere Verläufe nach sich ziehen, in Einzelfällen sind tödliche Erkrankungen möglich. Übertragen wird der Erreger vor allem über direkten Kontakt oder Kontakt zu kontaminierten Materialien. Affenpocken treten hauptsächlich in West- und Zentralafrika auf und nur sehr selten andernorts, was die gegenwärtigen Ausbrüche ungewöhnlich macht.

Die Mehrheit der derzeit infizierten Patienten war laut Wieler vor Ausbruch ihrer Krankheit nicht auf Reisen in die sonst betroffenen Gebiete in Afrika. Die meisten Betroffenen seien Männer, die sich beim ungeschützten Sex mit anderen Männern angesteckt hätten. Wieler weist, wie zuvor Lauterbach, darauf hin, dass diese Information nicht als Stigmatisierung verstanden werden solle. Wie Lauterbach zuvor betonte, gehe es einzig darum, transparent zu kommunizieren und die meist betroffene Risikogruppe möglichst gezielt anzusprechen. Jeder könne sich bei engem Kontakt anstecken - Kinder, Jugendliche und Erwachsene, egal welchen Geschlechts.

Wieler betonte, das Affenpocken-Virus sei zwar mit dem humanen Pockenvirus verwandt, allerdings handle es sich nicht um dasselbe. Eine Kreuzimmunität sei zwar nach der Impfung gegen das humane Pockenvirus gegeben. Wer die Pflichtimpfung bekommen habe, die bis in die späten Siebzigerjahre in Deutschland vorgeschrieben war, sei laut Lauterbach sehr wahrscheinlich noch immun. Der Schutz nehme allerdings ab, je weiter die Impfung zurückliege, erklärt Wieler.

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